Epilog – Noch einmal Munsalvaesche

Die beiden hatten wie zufällig zueinander gefunden. Und doch ahnten sie, dass eine höhere Macht sie lenkte. Nach der verlorenen Schlacht hatte Vivienne sich in Nacht und Nebel davongestohlen. Bald würden andere Banner über Cymru wehen und das Kreuz, das auch Morgana und Igraine solange bekämpft hatten, würde gebrochen werden. Und dennoch hatten alle drei Frauen gewusst: Dies war auch ihre Niederlage.

Sie hatte sich in Myrrdins Hain geflüchtet, wo die alte Eiche eine klaffende Lücke gelassen hatte. Aufgewühltes Erdreich inmitten der verwitterten Steine. Ein Loch, dass ein Meer von Tränen nicht würde füllen können. Das verschlungene Astflicht der schwarzen Buchen: eine Decke. Der nächtliche Himmel darüber: eine zweite. Frühmorgens hatte eine Hand sie zärtlich berührt. Es war der Barde, der sie vorsichtig weckte. Auch Talesien hatte überlebt.

Vivienne hatte einen schmalen Einbaum aufgetan, und den Usk aufwärts stakten sie an von grünen Weiden überhangenen Ufern entlang. Durch eine freundliche Stille, als wisse der Fluss nichts von der Katastrophe, die die Welt ereilt hatte. Ein Reiher breitet elegant die Schwingen und gleitet durch den blassen Dunst. Ein Fisch durchbricht das spiegelnde Wasser, fällt mit lautem Platschen zurück. Die Wellen lassen das Grün der Bäume und das Blau des Himmels ineinander verschwimmen. Sie waren schnell vorangekommen, doch lautlos. Noch immer gehorchen der Frau, die, es muss in einem anderen Leben gewesen sein, einmal die Dame vom See genannt wurde, die Wasser und die Winde.

Später hatten sie das Boot zurückgelassen und waren zweisam zu Fuß weiter nördlich gezogen. Über sich immer höher wölbende Hügel, dazwischen Seen blau-golden im Sonnenlicht. Durch karges steiniges Land. Als sie den von Farnen, Moosen und Flechten überwucherten verfallenen Wall erreicht hatten, der sich nach beiden Horizonten zieht, bis der Blick ihn verliert, hatte der Barde wehmütig geseufzt: „Lang ist es her, dass ich zuletzt hier oben weilte. Nie brachte ich gute Nachricht.“

Sie sprachen wenig über das Vergangene, noch weniger über das Kommende. Doch ein unbedingter Drang trieb sie an, weiter nordwärts. Durch zerklüftete Täler, wo von den Graten jene schiefen runden Türme nach ihnen ausspähten, in denen niemand mehr wohnte, nicht einmal der Tod. Und weiter, dorthin, wo Peredur auf seiner letzten Reise das Gras noch grau gewusst hatte und die Himmel grauer. Wo selbst die Seen grau gewesen. Doch blühte die Ebene zu ihrer Überraschung saftig, vom Himmel herab leuchtete ein kräftiges Blau, und die Seen strahlten, als wohnte noch einmal der ganze Himmel darin. Vivienne und Talesien nickend sich zu, wissend, sie waren auf dem rechten Pfad.

***


Auf einem kleinen Erdhügel, den Rücken an einen mannshohen Monolithen gelehnt, hockte ein Mann in einer braunen Kutte, die Kapuze tief ins faltige Gesicht gezogen, aus dem ein langer grauer Bart spross. Als sich die Wandernden näherten, erhob sich der Mann, als habe er die beiden erwartet. Wo er gesessen hatte, wurde eine Inschrift auf dem Stein sichtbar:
“Hier liegt Peredur. Er war ein guter Mann. Dies bezeugt sein Feind und Freund, Gaulehad.”
“Lailoken”, sagte Talesien, ganz einfach. “Wie lange haben wir nicht mehr miteinander gesprochen?“ Vivienne deutete eine Verbeugung an.
„Ich habe viel von euch gehört. Kommt mit uns, wenn ihr es wünscht. Wo wir hingehen ist eure Stimme sicherlich von großer Hilfe.“
Und so schritten sie zu dreien.
“Ihr seid auf der Suche nach Munsalvaesche?”, fragte der neue Gefährte.
“Ja”, sagte Vivien. „Wir wissen, dass nur dort für uns noch ein Platz ist.“
“Also ist der König tot? „
“Nicht tot, doch vielleicht mehr als tot.“
“Im Land sind noch viele, die warten auf seine Rückkehr.“
“Er kehrte nicht zurück, zumindest nicht so, wie die Menschen es denken. Myrrdin Wylt hat es richtig getroffen, und auf seine Weise ist der König ihm gefolgt. Myrrdin schied, wie ein Weiser. Der König aber wie ein König.”
“Und all dem zum Trotz seid ihr nun auf der Suche nach dem Gral? Ich bitte euch, hört auf mich! Selbst ich habe diesem Unterfangen abgeschworen. Der Gral ist nicht von dieser Welt. „
“Aber das wissen wir doch“, lachten Vivienne und Talesien wie aus einem Mund. Es war der erste ganz ehrlich heitere Moment, der seit der Niederlage bei den Hügeln von Malvern über sie gekommen war, wie ein warmer Frühlingswind, dem man sich nicht verwehren kann.
“Wir suchen nicht nach dem Gral. Wir suchen nach einer Bleibe. Einem Ort, an dem man sein kann.”
Dann huschte ein Schatten über Viviennes Züge und sie wurde wieder ganz ernst: „Der König ist fort. Lanzelot ist tot. Morgana ist mit dem König gegangen, Gawein hat sie mit sich genommen. Und Brigid ist tot, die so viel mehr war als eine Kriegerin. Für uns gibt es nichts mehr hier, dort aber alles.”
Talesien aber gab seiner Begleiterin einen Stoß, und sprach: “Kein Grund, wieder bitter zu werden. Wir kennen unseren Weg. Er spaltet sich hier ab von der großen Straße des Weltlaufs, doch wir müssen vertrauen, dass beide, auf ihre je eigentümliche Weise, doch zum Besten führen. Wir aber werden bald Wiedervereinigung feiern mit dem jungen Gaulehad, der das Beispiel lebt und etwas größeres gefunden hat als den Gral.”
“Wenn wir denn Recht haben.”
“Willst du jetzt noch zweifeln an dem, was uns die ganze Reise über getrieben? „
Und um den Mut der Gefährten zu stärken, stimmte Talesien ein Lied an.

Guess who it is.
Created before the deluge.
A creature strong,
Without flesh, without bone,
Without veins, without blood,
Without head, and without feet.
It will not be older, it will not be younger,
Than it was in the beginning.
There will not come from his design
Fear or death.
He has no wants
From creatures.
Great God! the sea whitens
The tenth were discarded,
They loved not their Father.
A loveless shower
In utter ruin.
Llucufer the corrupter,
Like his destitute country
Seven stars there are,
Of the seven gifts of the Lord.
The student of the stars
Knows their substance.
Marca mercedus
Ola olimus
Luna lafurus
Jubiter venerus
From the sun freely flowing
The moon fetches light.
Remembrance is not in vain,
No cross if not believed.
Our Father! Our Father!
Our relative and companion.
Our Sovereign, we shall not be separated.
By the host of Llucufer.

***


Schon von weitem konnten die drei den wolkenverhangenen Rundturm von Munsalvaesche erkennen. Die wuchtigen Mauern, die die Trutzburg schützen, bis sie in das unwirtliche Gebirge übergehen, das diese nördliche Festung birgt. Unwillkürlich schritten sie schneller aus, näher und näher rückte das unwirkliche Gebäude heran. Grüner und grüner grünte das Gras auch, fröhlicher sangen die Vögel und immer kräftiger ward das kräftige Blau des Himmels. Bald standen die Wanderer vor dem Tor, vor dem auch Peredur einst gestanden hatte und Gaulehad musste gestanden haben.
“Geht ihr vor, und bittet um Einlass“, sagte Vivienne zu dem alten Lailoken. „Ihr habt lang genug andere das Bitten übernehmen lassen.“
Der verhüllte Pilger machte einige Schritte auf das Tor zu und klopfte dreimal kräftig gegen das feste Holz.

***


Und hier verliert sich die Geschichte endgültig im Nebel aus Legende und Märchen, aus Verdrängen und Vergessen. Und was weiter geschehen, wissen die ältesten Schriften nicht zu berichten und nicht die jüngsten, denn mit Lailoken und Talesien verstummten die Gesänge der Barden. Vielleicht vermöchte man es zu erraten, wenn man sich nur sorgsam in der Welt umsieht und sich fragt, was ihr Zustand über den Stand der Reise jener Helden zu berichten vermag. Doch ob Gaulehad die Freunde willkommen hieß oder ob irgendwo in der unwirtlichsten Wildnis noch immer Munsalvaesche unserer harret, ob Arthur in Avalon schläft und eines Tages erwacht, und ob er, wenn er erwachte, überhaupt zurückkehren wollte, all diese Dinge interessieren heute niemanden mehr. Drum will auch die Erzählung fortan sich in Schweigen hüllen und nichts mehr berichten von diesen allzu entlegenen Gegenständen.
Der Nebel wird dichter und dichter.
Der Barde schweigt.

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21 – Die letzte Schlacht

Der König war stolz auf die Verschanzung, die seine Truppen ausgehoben hatten. Nächtlich durch das Hügelland aus südlicher Richtung heranreitend hatten sie einen guten Blick auf auf die gesamte Anlage. Doch wie sollte man das übersehen? Im frühesten Morgengrauen glühten die Wälle noch rötlich, berührten den grauen Himmel mit ihrem rötlichen Glühen. Arthur kannte diese Bauweise einer Befestigung im Feld gut, und auch die, die den König begleiteten, nickten anerkennend. Man zieht eine rasche Konstruktion hoch, aus in mittleren Abständen im Boden versenken Palisaden und Querhölzern. Man füllt das Ganze mit Erde und großen Steinen und Stroh oder Schilf oder einem ähnlichen Material. Dann bringt man das Füllmaterial zum Entflammen. Wie in einem Ofen entstehen Temperaturen, die sogar die Steine dazu bringen, sich mit einer glasartige Schicht zu verbinden. Ein Geheimnis der Alten. Arthur stellte sich vor, wie das auflohende Feuer die Angreifer in Angst versetzt haben musste. Wie ein Ausbruch, vielleicht am vergangenen Abend, all ihre Kräfte noch einmal zurückschlug. Und das, wo es um die Truppen der Brythonen definitiv nicht gut stand, denn auch das konnte der König sehen. Zwar hielt man zu beiden Seiten der Barrikade die Hügel von Whiteleaved Oak und Readmarley besetzt und hatte die restlichen Truppen zwischen der Linie des sich von Süd nach Nord ziehenden Hügellands von Malvern und dem Fluss Wye im Rücken gesammelt. Doch war man schwer dezimiert und die Angreifer in der Überzahl. Aber was für eine Stellung. Was für eine Lage. Beinahe, als hätten sich beide Armeen entschlossen, sich genau hier zu schlagen und nirgends anders, um ein für allemal endlich die Entscheidung herbeizuführen.
“Nun”, wandte der König sich an sein Heer. “Dann wollen wir kämpfen.“

Im pulsierenden Schein des glühenden Walls warfen die beiden Belagerungsrampen, die träge, doch unweigerlich, heranrollten, diffuse Schatten auf die sie umringenden sächsischen Krieger. Der König hob den Arm. Bereithalten. Abwarten. Bis im Tal ein Horn schmettert. Bis die Belagerten einen Ausfall wagen. Dann fällt der Arm.
Die kleine Reiterei brach, die Flanke der Hügelkette herabfliegend, auf das Schlachtfeld, die Fußtruppen folgten.
Frontal trafen die ausbrechenden Belagerten auf die Sachsen. Auf der südlichen Flanke richteten Arthur und seine Mannen Verwüstung an.

Hatte der Könige Rom erreicht? Er war sich selbst nicht sicher. Er hatte eine große Stadt erreicht an einem Fluss, mit Bauwerken, die viel beeindruckender gewesen waren als alles, was er je mit eigenen Augen gesehen, und was nicht von Riesen oder Feenhand errichtet war. Und dabei zugleich so filigran. Er hatte Brücken gesehen, die einst Wasser getragen haben sollen, Arenen, mit Platz für viele tausend Menschen. Leider schien alles im Verfall begriffen, die größten Strukturen schon längst nicht mehr genutzt. Doch nachdem die kleine Schar so lang durch das fremde Land geirrt war, wo man kaum die Zunge der alten Latiner sprach, doch hier und dort etwas, das den brythonischen Zungen durchaus nicht unähnlich, war Arthur zufrieden gewesen, hier verwandte Seelen anzutreffen. Krieger, grobschlächtig, auch ein paar Frauen darunter, die die Schlacht suchten, Menschen, die sich ganz schwach an eine größere Vergangenheit erinnerten, Schwerter und Speere, die bereit waren den großen Reden und den noch größeren Versprechungen des fremden Königs ihr Ohr zu leihen. Die Einheimischen hatten Rom „Lutetia“ genannt, doch Arthur hatte das nicht gekümmert. Und auf ihrem Zug nach der bretonischen Küsten hatten sie weitere Mitstreiter gesammelt und fürwahr, dachte der König nun, da rundum die Speere flogen, die Schwerter Funken schlugen und das Blut die heimatliche Erde tränkte: Diese Römer schlugen sich gut!

***


Das Schlachtglück wendet sich. Gawain, der wie ein Berserker kämpft, spürt es, bevor er es sieht, sieht es, bevor auch der Gegner es einsieht. Die beiden Rampen, vom Feind errichtet in der Überzeugung, alle Zeit der Welt zu haben, hatten den Wall nie erreicht. Das bedrohliche Heer der Schützen, das die Belagerer decken sollte, war ein leichtes Opfer der unerwarteten Kavallerie gewesen, die unter dem Banner des Königs die Sachsen in die Zange genommen hatte. Das von einem Flüstern zu einem Rufen zu einem allgemeinen Jubel anschwellende „der König! Es ist der König! Der König ist zurück!“, das durch die eigenen Reihen lief, hatte auch jenen neue Kräfte verliehen, die sich so lange nur auf dem Rückzug befunden. Auch Gawain hatte Mut geschöpft.
Nach mehreren Stunden des Schlachtens hat eine müde Sonne einen Weg durch die Wolken gefunden. Noch tief steht sie am Himmel und bescheint ein Feld, von dem man aus der großen Entfernung glauben könnte, es beheimate einen Tanz zum Bel Tine Fest. Doch die Tanzenden tanzen auf Leichen, sie tanzen zwischen Feuern, sie tanzen um ihr Leben, tanzen vielleicht gar vielmehr um ihren Tod.

***


Die Situation sah für die Belagerten bereits wieder längst nicht mehr so gut aus, wie noch im Morgengrauen. Zwar hatte Gawain einige Ritter versammelt und den Versuch gewagt, nach dem Fluss Hafren durchzustoßen, wo der Feind seine Nachschubstellung hatte. Da aber waren gerade frische Soldaten angelangt, und man war ohne größere Mühen zurückgeschlagen worden. Und hier lag das Problem, das sich nicht lösen ließ: Im eigenen Land hatten die Brythonen ein Nachschubproblem. Die Sachsen dagegen konnten längst auf jederzeit frische Kräfte zählen. Neue Hundertschaften setzten über den Hafren. Schiffe legten an. Das Land Logres war schon nahezu ganz verloren, Cymru ausgeblutet, und was von einem kleinen südlichen Küstenstreifen zwischen Londinium und Cornwall noch kämpfen konnte, wird sich dem König angeschlossen haben. Mehr kommt nicht. Auch die wilden Kriegerinnen und Krieger unter dem Kommando der furchtlosen Brigid hatten längst nicht mehr die Schlagkraft, die sie anfänglich gegen die Sachsen gehabt. Hier hatte der König recht behalten. Kriegsbemalung, Bäder in Blut, die Statur eines Riesen und die Behaarung eines Waldschrat – Wenn der erste Schrecken verflogen ist, versteht der Feind leicht, dass die nackte Brust einem Schwert weniger Widerstand leistet als ein Harnisch. Brigid selbst aber war unerschütterlich geblieben, weiterhin nahm sie es leicht mit zehn Gegnern gleichzeitig auf. Immer wieder hatte sie in den Morgenstunden sich an Gawain herangekämpft, ihn aus mancher brenzligen Lage befreit. Denn der Ritter war kaum weniger wagemutig, und hatte wie aus einem Todeswunsch jede Überzahl angenommen und sich siegreich geschlagen. Wenn die beiden Rücken an Rücken fochten, raunte die Hünin dem Ritter mysteriöse Worte zu: „Besteigt den Wagen. Besteigt doch endlich den Wagen.“ Gawain antwortete wieder und wieder: „Ein Mann von Ehre stellt sich nicht auf ein solches Teufelsgefährt.“

***


Sie werden zurückgedrängt. Diesmal scheint es hoffnungslos. Die Sachsen haben die Herrschaft über ihre linke Flanke zurückgewonnen. Auch die Krieger des Königs sind auf dem Rückzug, und im Moment ist es Gawain, als habe man nur die Wahl, sich vor der Befestigungen überrennen zu lassen, oder dahinter vielleicht noch ein oder zwei Tage auszuhalten und ohne Hoffnung mit anzusehen, wie die nächste, die vernichtende, Wälle vorrückt. Also bleibt man und kämpft. Man verliert, doch man bleibt und kämpft. Zwar – die Magierin Morgana hatte weitere Hilfen versprochen, doch davon war bisher nichts zu sehen gewesen. Vielleicht hatte die Hexe sich abgesetzt…
Plötzlich fällt Gawain aus dem Augenwinkel eine Bewegung auf, auf dem hölzernen Turm, den sie bei Whiteleaved Oak befestigt haben. Dort erhebt sich eine Gestalt, die Arme ausgebreitet, steht, wie eine Statue, über das Schlachtfeld blickend, als könne kein Pfeil sie verwunden. Und von der Gestalt, die sich so selbstsicher erhoben hat, erhebt sich nun eine Stimme. Eine tragende, eine gewaltige Stimme, stark genug, sich über das gesamte Schlachtfeld zu breiten.
Talesien ist es, der alte Barde! Den seit dem Verschwinden Myrrdin Walts niemand mehr angetroffen hatte. Talesien ist es, der alte Bade, und er singt:

“…There was a calling on the Creator,
Upon Christ for causes,
Until when the Eternal
Should deliver those whom he had made.
The Lord answered them,
Through language and elements:
Take the forms of time prinncipal trees,
Arranging yourselves in battle array,
And restraining the public.
Inexperienced in battle hand to hand.
When the trees were enchanted,
In the expectation of not being trees,
The trees uttered their voices
From strings of harmony,
The disputes ceased…”

Hat also zumindest der Alte den Weg noch einmal zurück zu den Seinen gefunden, denkt Gawain. Vielleicht ist noch nicht alles verloren.

***


Ein Hain, seit undenklichen Zeiten nicht entweiht. Verflochtene Zweige umspielt trübe Luft. Kalte Schatten. Jeder Stein atmet Opfer hier, jeder Baum ist geheiligt mit Blut. Vögel fürchten sich, in diesen Zweigen zu sitzen, Wild fürchtet sich vor diesem Dickicht. Kein Windstoß geht durch diesen Wald. Von selbst bebt das Laub, obschon keine Brise es rührt. Doch weiß blüht der Verfall noch älterer, abgestorbener Hölzer in die Schwärze des Hains. Und aus einer weißen Quelle ergießt Wasser sich. Grobe Götterbilder in Stein, mehr die Idee eines Gottes als dessen Abbild, stehen rund um einen stillen Tümpel.
Und hier, inmitten der Götter, behütet im Schatten der Bäume, belebt vom Wasser der Quelle, hatten sich Männer und Frauen versammelt. Immer mehr waren es geworden, schon in den Abendstunden, als das Dunkel des Waldes vom Dunkel der äußeren Welt noch weiter verfinstert wurde. Noch mehr hatten den bewegten Reden der Frau gelauscht, die später bei der uralten Eiche sprach, als ein ganz klein wenig vom Licht des Mondes durchs Gezweig war auszumachen gewesen. Als sie aufgebrochen waren, mögen es ihrer schon hundert gewesen sein. Und sie gingen nicht allein. Der Wald ging mit ihnen! Eichen, Buchen, Linden, Fichten, Kiefern, sie alle rissen ihre Wurzeln aus der Erde und marschierten.

„The alder trees, the head of the line,
Formed the van.
The willows and quicken trees
Came late to the army.
Plum-trees, that are scarce,
Unlonged for of men
The elaborate medlar-trees
Tue objects of contention.
The prickly rose-bushes,
Against a host, of giants,
The raspberry brake did
What is better failed
For the security of life.
Privet and woodbine
And ivy on its front,
Like furze to the combat…“

Auf die gewaltigen Baumriesen stiegen die Männer und Frauen, und mit Schritten, die man nicht in Ellen maß, sondern in Baumlängen, stampften sie über das Land. Als der Abend einer langen Schlacht heranbrach, trauten Sachsen wie Briten ihren Augen nicht. Denn über die Hügelkette warf sich der Wald selbst in den Kampf. Und hoch oben stand der Barde und sang und sang und dirigierte das Geschehen. An der Seite des Turms, von dem der Barde sang, aber hatte die uralte Eiche sich eingefunden und ihre Wurzeln ins Erdreich gegraben. „Ich bin hier, mein Freund“, vernahm der Barde durch seinen Gesang. „Ich werde nicht kämpfen. Du weißt, ich werde nicht kämpfen. Doch ich bin hier in der schweren Stunde.“
Die Worte, die nur Talesien hörte, erfüllte ihn mit großem Glück und mit noch größerer Kraft schmetterte er sein Lied:

“The heath was victorious, keeping off on all sides.
The common people were charmed,
During time proceeding of the men.
The oak, quickly moving,
Before him, tremble heaven and earth.
A valiant door-keeper against an enenly,
his name is considered.
The blue-bells combined,
And caused a consternation.
In rejecting, were rejected,
Others, that were perforated.
Pear-trees, the best intruders
In time conflict of the plain.
A very wrathful wood,
The chestnut is bashful,
The opponent of happiness,
The jet has become black,
The mountain has become crooked,
The woods have become a kiln,
Existing formerly in the great seas
Since was heard the shout:–
The tops of the birch covered us with leaves,
And transformed us, and changed our faded state.”

***


Leider: Bäume sind nicht unsterblich. Wie viele Wälder hatte dieser Krieg schon gefällt, allein, dass Stellungen befestigt werden könnten, Dörfer gesichert. Wie viele fielen ganz ohne Krieg, als die großen Oppidien entstanden, die Hügelfestungen und später die Burgen, die Städte? Vor allem aber: Hat so ein Baum sich erstmal aus dem heimischen Erdreich gegraben, ist seine Lebensdauer sehr begrenzt. Schon am zweiten Morgen der Schlacht, seit der König zurückgekehrt war, schien das Licht der Morgensonne nicht nur auf mehrere gefällte Baumriesen inmitten der im Tode geeinten Körper der Brythonen und Sachsen. Sondern auch auf andere, die lagen hinter den Linien, verkümmert, verdurstet. Nur einige wenige wappneten sich noch einmal, als die dezimierte Reiterei sich gürtete, das Fußvolk seine Spieße aufnahm, um mit vereinter Kraft weiterzumachen, wo man am Vorabend aufgehört hatte, ermüdet von der verzweifelten, doch nicht nachlassenden Gegenwehr der Invasoren. Jene wenigen aber, die Ältesten der Ältesten, die gewaltigsten der gewaltigen, brachten erneut großes Verderben über den Feind. Doch wo gestern noch der Sieg nahe schien, war heute schon wieder kein Durchkommen. Erneut hatten die Sachsen ihre Truppen verstärkt, und die Schlacht wogte ziellos. Schwert spaltete Schädel, Lanze durchbohrte Lende, sirrender Pfeil Hals. Und einmal mehr zischte Brigid in einer Minute, da sie Seite an Seite fochten, Gawain zu: „Besteigt endlich den Wagen!“
Der aber dachte gar nicht daran. Stattdessen war es ihm gelungen, einige der stärksten Ritter der Runde um sich zu versammeln, und die führte er nach der nördlichen Flanke heraus aus dem Getümmel und einmal mehr durch lichtes Gehölz am Ufer des Hafren entlang auf die Stellungen der Sachsen zu. Die Ritter trugen Feuerstein und Öl bei sich, und Fackeln waren aus Lumpen und trockenen Ästen leicht bereitet. Schon hatte man die nördliche Palisade erreicht, mit der ohne äußerste Konsequenz der Hafen gesichert war. Das Feuer flog. Ehe der Feind überhaupt reagierte, brannte das erste Schiff. Ein weiteres ging in Flammen auf. Dann streckte ein Pfeil Agravain, ein weiterer Bredbeddle, und Gawains Stroßstrupp war zum Rückzug gezwungen. Doch der Schlag war geglückt. Bloß die Klage über den Verlust der guten Gefährten drückte die Freude über den Streich. Noch einmal sahen auf dem Feld die Brythonier sich von den lodernden Flammen beflügelt und schlugen zu mit doppelter Kraft. Links und Rechts vernichteten die drei verbliebenen Riesen des Waldes Hundertschaften von Feinden.

***


Am Nachmittag hatte sich die Waage weder nach der einen, noch nach der anderen Seite geneigt. Dunkle Wolken waren aufgezogen, ein kühler Wind hatte von Osten zu wehen begonnen. Was dann aber aus dem Hügelland südöstlich des Hafren heranrollte, schwarz und drohend, donnernd wie Gewitter, tosend, wie ein Sturm, war keine Wolke. Die Masse der in schwarzes Leder und altes korrodiertes Eisen gerüsteten Kämpfer, die dort herbeidrängten, war so groß, wie sie kein Krieger auf Seiten der Brythonen oder der Sachsen sich zuvor auch nur hätter vorstellen können. Für einen Moment blickten alle auf und jeder vergaß seinen Gegner. Seltsam stumm stürmten die frischen Soldaten, allein das Donnern ihrer Tritte erfüllte die Luft. Kein Kriegsgeschrei, nicht mal ein Stöhnen unter der Anstrengung. Äußersten Schrecken aber verbreitete der Anführer, ein Hühne zu Pferde, in einer Rüstung, deren dunkles Grau an die finsteren Wolken erinnerte, die das Schlachtfeld mittlerweile vollends bedeckten. Er schwang ein Schwert, das trotz der Wolkendecke in einem geheimen Licht zu glänzend schien. „Mordred“, ging das Raunen durch die Reihen der Brythonen. „Mordred“. Und: „Der Feind trägt des Lanzelot Schwert.“ „So ist es war Llywych Llawwynnauc ist tot!” “Oh soll uns doch der Himmel auf den Kopf fallen“, fluchte irgendwo im Getümmel die hünenhafte Brigit. „Würde der verdammte Ritter doch bloß endlich den Wagen besteigen.“

***


Diesmal hatte sie Gawain gar nicht auffordern müssen. Er hatte sich schon vom Schlachtfeld gestohlen und hinter den Wall der Schanze. Dort wartete auf ihn, bewacht von einigen Kriegerinnen, das eigentümliche Gefährt. Ein Streitwagen, den zwei Rosse ziehen. Von filigran geschmiedetem Eisen, mit einem geschwungenen Geländer, auf dem der Kämpfer die Hand ruhen lassen kann, um mit der anderen mit dem Speer den Tod zu bringen. Einachsig, wendig und schnell, und bis unter die Brust mit Metallplatten verkleidet, die Pfeile abfangen. Ein Werkstück, wie es heute keiner mehr zu schaffen fähig wäre. Vor allem aber ragten von den Rädern des Wagens in alle Richtungen Klingen, eckig, gezackt, mehr wie Gewächse scheinbar ohne Ordnung, als wie die sauber geschliffene gerade Schneide eines Schwertes. Auf diesem Gefährt kehrte der Ritter, wenn auch nicht ganz wohl in seiner Haut, zurück auf das Schlachtfeld.

***


Morgana mit dem schwarzen und Vivienne mit dem goldenen Haar schauen vom Wall auf die Schlacht herab.
Dort haben die stummen sächsischen Krieger den letzten der drei großen Bäume gefällt. Mit all ihrer Masse umringten sie den Riesen, kletterten hinauf durch Wurzeln und Zweige, gruben ihre Äxte ins Rindenfleisch, warfen Seile über abstehende Äste und taten alles, um das schwerfällige Geschöpf aus dem Gleichgewicht zu bringen. Irgendwann ist kein Halten mehr, der schwere Stamm fällt und erschlägt im niedergehen hunderte seiner Bezwinger.
Durch die erneut vorrückenden Sachsen schneidet nun Gawain und zieht Schneisen der Verwüstung. Hundertfache Verhängnis bringt der Sichelwagen, hundertfache Verhängnis der Speer seines Reiters. Der jedoch ist von seinen Feinden einfach nicht zutreffen. Zugleich gewachsen scheint er und geschrumpft, manchmal kaum noch ein Körper von dieser Welt. Fliegt eine Lanze heran, streckt sich im Stürzen eines Gefallenen noch die Pike nach ihm, verrenkt und verdreht der Ritter sich spielend in einer Weise, die Menschen nicht möglich sein sollte, und der Stich geht fehl. Es ist als führe jedes Glied Gawains ein Eigenleben und sei zugleich auf Schutz und Schaden bedacht.
„Endlich“, lächelt die Beraterin des Königs. „Er rührt an das, was ihm wirklich möglich wäre.” Die Steine, auf die ihre Hände sich stützen, sind noch immer warm von dem Feuer, das den Wall gefestigt hat. Draußen erkalten die Leichen. “Es ist gut“, gibt Morgana zurück. „Doch es wird nicht reichen. Sieh.“ Nach dem Sturz des letzten Baumriesen haben die frischen Truppen des Feindes sich den verbliebenen Briten zugewandt. Noch wirkt der Kampf ausgeglichen, doch allein die unwiderstehlich Schneisen, die Gawain auf seinem Sichelwagen schlägt, lassen die Briten noch hoffen. Auch eine kleine Gruppe um Bedivere, Lamorak und Cei, die weiter starken Widerstand leistet, hält das Vordringen der Sachsen auf. Doch wo immer der wolkengraue Reiter mit dem blitzenden Schwert auftaucht, brechen die notdürftigen Verteidigungslinien, Fußsoldaten fliehen und Ritter, die sich stellen, haben wenig entgegenzusetzen.
“Dann ist also alles verloren? „, fragt Vivienne auf dem Wall. “Könnten wir nur die Zeit zurückdrehen, und unsere Züge gegenüber Llylwych Llawwynnauc genauer bedenken. Griffe der alte Lugh in diese Schlacht ein, vielleicht sähen die Dinge anders aus…
„Gräme dich nicht. Das Schwert spielt seine Rolle, auch wenn es nicht die Rolle ist, die wir uns erdacht haben. Wir rücken die Steine, doch höhere Mächte haben das Spiel bestimmt.“
Morganas ausgestreckter Arm verweist auf einen Hügel in den Peripherien des Schlachtfeldes, Im Norden, wo sich ein einzelner Krieger auf einem Pferd abzeichnet, der jetzt absteigt, dem Pferd einen Klaps gibt und es fortschickt, als brauche er es nicht mehr. Nie wieder.
Der Krieger wartet. Und wartet.

***


Morgana hatte ihre Hunde losgejagt. Und wo immer auf dem Feld einer der stummen Krieger fiel, stießen Raben vom Himmel herab und zerpflückten die Gebeine. Bald war das Feld, auf dem die Verteidiger immer mehr in Bedrängnis gerieten, ein einziger Rabensturm, durch den der Sichelwagen pflügte, durch den die Meute tobte, aus dem niemand mehr, der gefallen war, aufstand. Doch all das bremste die Niederlage nur, hielt sie nicht auf.
Erbittert, doch auf verlorenem Posten, hatte auch Artus gefochten, gerade erst zurückgekehrt, Hoffnung bringend, mit einer Armee, deren Schlagkraft man längst konnte an wenigen Händen abzählen. Nun aber war der König nirgends mehr zu sehen. War er gefallen? Geflohen? Hatte er das Schlachtfeld verlassen?
Auf dem Hügel im Norden stand er, ein einsamer Krieger, der etwas erwartet. Gleichmütig auf Exkalibur gestützt, ein Schemen im Düster. Denn der wolkenverhangenen Himmel hatte sich weiter verfinstert. Wie Schwämme hingen die schwarzen Schwaden vom Firmament, der kühle Ostwind hatte sich zum Sturm aufgebläht, und nun stürzten die ersten Tropfen auf das aufgewühlte Erdreich zwischen Hafren und Wye. Wenn er von seinen Kriegern auch schmerzlich vermisst wurde – der, der ihn hatte erkennen sollen, hatte den König erkannt. Ohne Eile steuerte der graue Ritter, der das leuchtende Schwert Lancelots schwang, Mordred, auf den Hügel zu. Und vor ihm teilte sich die kämpfende Menge, ob Freund, ob Feind. Bald war er angelangt. Stieg hinauf. Blieb, ein zweiter Schemen, in gehörigem Abstand zum König stehen. Der Graue verbeugte sich. Artus erwiderte die Verbeugung. Beide griffen die Schilde fester. Erhoben die Schwerter. Mit den Blicken dem Grauen folgend, hatten auch unten die Kämpfenden mittlerweile bemerkt, dass sich hier bedeutendes anbahnte. Für einen Moment war alle Kampfeshandlung auf dem weiten Feld erlahmt, sahen alle hinauf und herüber, zu den beiden Heerführern. Dann setzte der Graue den ersten Schlag. Arthur parierte. Wie zwei Blitze kreuzten die Klingen sich.

So brach der dreifache Sturm los. Denn im selben Augenblick öffneten die Schleusen des Himmels sich und schütten Regen, wie einen Vorhang, über das Feld. Und noch stärker wehten die Winde, noch dichter ballten die schwarzen Wolken sich und nicht nur die Schwerter blitzen, ein Blitz nach dem anderen zuckte über den Himmel und rollender Donner folgte auf rollenden Donner. Unten aber waren die Hundertschaften bereits wieder ineinander verkeilt, und wie magisch von dem Geschehen angezogen, trieb es die Schlacht weiter nordwärts, zum Hügel hin, und endlich tobte der Krieg rund um die beiden Kämpfer, deren turmhohe Schatten die grellen Blitze wild über den Himmel zucken ließen. Viel sächsisches Blut tranken die brythonischen Schwerter noch und viel brythonisches Blut die der Sachsen. Doch instinktiv wussten alle: Was jene beiden Männer auf dem Hügel ausfochten, jene beiden Riesen in den schwarzen Wolken, umzuckt von weißem Licht, das galt. Und Arthur, der alte Arthur hielt sich wacker, parierte Schlag um Schlag und zeigte sich geschickt auf den Beinen. Manch plötzlicher Ausfall gelangt, manch unerwarteter Schritt zur Seite ließ den Gegner ins Leere laufen und mit dem mächtigen Schwert Exkalibur setzte der König einige Treffer auf die gepanzerte Brust und die nicht minder gepanzerten Gliedmaßen. Doch kein Stich, kein Schnitt, drang durch. Vielleicht wurde eine geringe Scharte geschlagen, vielleicht Haut geritzt, doch mit jedem Angriff, den der König wagte, wurde deutlicher, wie viel ausdauernder der Gegner sein würde. Bald ließ der Exkalibur frei schwingen, doch duckte sich oder sprang rasch einen Schritt zurück und traf den Angreifer dann mit dem Schild vor die Brust, mit dem gepanzerten Fuß auf der Hüfte. Endlich ging der graue Ritter in die Offensive, und Mordred, das Schwert, war wie einer der Blitze, die vom Himmel brachen. Nur mit äußerster Mühe brachte Arthur das eigene Schwert oder den Schild noch in des anderen Schwertes tödliche Bahn. Und wie der Gegner an Überlegenheit gewann, zeigten auch die sächsischen Truppen auf dem Feld ihre. Schon fast vollständig vom Feind umschlossen sah sich auf dem Hügel der König, Arthur. Die Parade des Grauen gegen einen schon verzweifelten Schlag des Königs, in den dieser alle Gewalt seines Arms und das Vorschießen des Körpers gelegt hatte, erfuhren die Krieger wie ein Gemälde aus Schatten und Licht auf die Leinwand der drohenden Wolken geworfen. Dann zuckte das Schwert, das einst Lanzelot gehört hatte, einmal jäh vorwärts, so plötzlich, man bemerkte die Bewegung kaum. Und der König strauchelte, suchte Halt im nassen Gras, rutschte, fiel. Erst auf die Knie, dann, da auch die Arme die Kraft verließ, flach auf den Bauch. Regen prasselte auf den Panzer. Ein weiterer Blitz erhellte die Szenerie, wie der Gegner sich noch einmal vor dem gefallenen König verbeugte, und zurückkehrte in die Reihen seiner Streiter. Und dann zogen die Sachsen ab, ohne noch einen weiteren Finger zu rühren. Das Geschick Logres, das Geschick Cymrus, das Geschick der Brythonen war entschieden. Geduldig harrten die Angreifer aus in ihren Stellungen, und ließen das unterlegene Heer die Toten begraben.

***


Eine kleine Gruppe Überlebender hatte sich zu beiden Ufern des Wye versammelt. Gawain sah Bedivere, auch Bors, manch anderes bekanntes Gesicht. Und manches, das er womöglich gekannt, das aber von Wunden so entstellt, dass der Ritter kaum zu sagen vermochte, wer da vor ihm stand. So viele waren gefallen, Cei in den Händen der Sachsen, und die verbliebenen Truppen hatten sich längst zerstreut, waren selbst in Gefangenschaft geraten oder geflohen in die westcymrischen Dörfer, wo sie, spätestens wenn die sächsischen Banner über Camelot wehten, bald auch würden müssen ihre neuen Herrn anerkennen.
All das Leid, dachte Gawain, die traurig gesenkten Köpfe der Versammelten auf sich wirken lassend, all das Entsagen, hierfür? Und dachte: Hatte das Volk bei Londinium nicht zuletzt schon wieder ein normales Leben gelebt? Und in den Dörfern des östlichen Logres? War der Krieg letztlich nicht stets nur dort gewesen, wo wir gewesen?
Der geschlagene Ritter schüttelte den Gedanken ab. Gewiss, für die einfachen Menschen fand sich immer ein Leben. Doch was blieb ihm, und den anderen letzten Rittern der Runde?

Am Ostufer des Wye dümpelte ein Nachen, vertäut an einer Lanze im Uferschlamm. Weißes Holz, weißes Segel. Darin saß Morgana, in ihrem Schoß den Kopf des Königs gebettet, der Leib verhüllten in einer weißen Wolldecke. Die Heidinnen hatten den Gefallenen gesalbt und unter Gesang zum Fluss geleitet. Mit einer knappen Verbeugung hatte Talesien sich von Morgana verabschiedet. Vivienne war da schon spurlos verschwunden.
Morgana strich nun dem König das weiße Haar aus dem Gesicht, schlug die weiße Decke noch einmal um dessen sterbliche Hülle. Dann schaute sie auf, und erkannte Gawain, der unwillkürlich immer näher an die Szene herangetreten war.
“Worauf wartet ihr, Ritter?“, sprach sie ihn an. “Euer Platz ist an der Seite des Königs.”
Gawain antwortete nicht, doch ohne weiter nachzudenken kletterte er in den Nachen. Wie Morgana den Kopf Arthurs, hielt Gawain nun des Königs Füße. So saßen die drei und warteten, bis plötzlich ein warmer Wind sich erhob und der Nachen ganz sanft sich in Bewegung setzte. Gawain hatte gar nicht mitbekommen, dass das Tau gelöst worden war. Schleichend entfernte das Schiff, weich von Wellen gewiegt, sich vom Ufer. Goldene Morgensonne brach aus Wolken hervor. Möwen stiegen zum Himmel, schreiend. Und die am Ufer Verbliebenen weinten.

***


Ein Nachen treibt den Wye herab, gelenkt allein von der Vorsehung. Die keltische See ist sein Ziel und dann, beflügelt von günstigen Winden, lässt er bald Iwwerdon hinter sich, das grünende Eíre, und weit, weit hinaus nach dem Westen strebt er, immer dem Sonnenlauf folgend. Bis leuchtender Nebel sich über die Wasser legt, und ebensolcher Nebel über den Himmel. Und durch dieses Nebelmeer treibt der Nachen fort, und hin nach den gläsernen Landen, die manche Avalon nennen. Vor dieser Herrlichkeit aber versagen nicht bloß alle Worte. Auch der Blick Sterblicher ist nicht fähig, die zerbrechliche Schönheit der gläsernen Inseln zu schauen, ohne dass beide, Blick und Inseln, unheilbaren Schaden nähmen. Und so verlieren wir das Schiff, darin Morgana noch immer den Kopf des Königs hält, der treue Gawain seine Füße, bald aus den Augen.
Wir wenden uns ab und lassen sie fahren, was immer mit ihnen weiter geschieht.

20 – Das Lied von der kleinen Welt

Vom Schönen werde ich singen. Ich singe.
Die Welt, noch einen Tag.
Ich denke viel nach,
Und ich meditiere.
Ich werde zu den Barden der Welt sprechen,
Denn mir ward nicht gesagt
Was die Welt hält,
so dass sie nicht ins Leere fällt.
Oder wenn die Welt untergehen sollte –
Wohin würde sie fallen?
Wer würde sie fangen?
Die Welt, ihre Wiederkunft,
nachdem sie welkte,
die Wiederkunft im alles umschließenden Kreis.
Die Welt, wie ist sie wunderbar,
Dass sie nicht stürzt mit einem Mal.
Die Welt, wie ist sie sonderbar,
So heftig hat man auf ihr getrampelt.
Doch Johannes, Matthäus,
Lukas und Marcus,
Sie erhalten die Welt
Durch die Gnade des Geistes.

Bild: Wiki, gemeinfrei.

19 – Brans Rückkehr

Rennende Schritte, gedämpft von tiefem Schlamm. Spritzendes Wasser. Das Gebell halbwilder Hunde mit rot glühenden Augen. Genauso gut könnten es Wölfe sein. Die Schatten der geduckten Häuser mit den dreieckigen Dächern, Reißzähne in der Nacht. Sie sprinteten zwischen solch einer Häuserreihe, ein wenig abseits der gewalzten Hauptstraße. Rufe. Von hinten, bei der wuchtig aufragenden Festung, Fackelschein. Das einzige Rechteck in dieser sonst so seltsam dreieckigen Stadt. Doch die Verfolger waren weit. Einer der verdammten Hunde aber hatte Cei bei der Wade gepackt. Cei riss das Schwert aus der Scheide und löste das Problem mit einem gezielten Stich. Der schwere Leinensack, den er über den Rücken trug, brachte ihn beinahe aus dem Gleichgewicht. Doch Cei fing sich. Der Köter fiel. Blut zweier Wesen, dass sich im schlammigen Grund mischt. Das Leichenfeld bei dem hölzernen heidnischen Heiligtum. Schon, als sie in die Wehranlagen eingedrungen waren, hatten sie sich gewundert. Hier wurden zahlreiche frisch Verstorbene gelagert, gewickelt in von Blut getränkte Tücher. Es stank bestialisch. Warum begrub man sie nicht?
Schwarze Schatten, rasch zwischen den letzten Häusern der Stadt springend. Rot glühende Augen. Die Hunde!

Über das aus unbearbeiteten Steinen und Baumstämmen gefertigte Rund des Heiligtums kletterte es sich leicht hinauf auf den Wall. Hunde vermögen keine Tore zu öffnen. Bis die menschlichen Verfolger auf ihren Fersen wären, hätten sie sicher einige hundert Schritt Vorsprung. Und die sächsischen Wachen, die glaubten, sie hätten es bloß mit ein paar Strauchdieben zu tun, die sich übernommen hatten, sähen sich von einem gut gezielten Sturm von Pfeilen empfangen. Die wartenden Ritter, die das nächtliche Unternehmen absicherten.

***


Northwic war eine Stadt, wie sie Cei noch nie gesehen hatte. Schon, als sie sich entlang der sumpfigen dicht bewachsenen Altwasser des Wessum angeschlichen hatten, dann und wann eine Anhöhe aufgesucht, auch manchmal einen hohen Baum, um die Lage zu überblicken, hatten die Ritter gestaunt. Was hier in solch kurzer Zeit entstanden war. Eine der ersten sächsischen Siedlungen, die man tatsächlich Stadt nennen könnte. Ein Wall aus hölzernen Palisaden, spitz, ganz wie auch das äußere Camelot von einem solchen Wall umfangen wird. Verstärkt von einer steinernen Mauer, die einen Wehrgang schuf. Doch dann diese Häuser. Als wollten sie sich verstecken. Spitze Grasdächer, die direkt auf der Grasnarbe endeten. Als ducke sich jedes einzelne, wehrhaft. Der graue Tempel von Fels und Holz, einem Gott geweiht, den die Eindringlinge nicht kannten. Und zur Festung hin dann einige höhere Häuser, ebenfalls aus Holz, mit den gleichen steilen Dächern. Das alles in Schattierungen aus Silber und Schwarz in blassem Mondlicht. Der Mond störte, doch sie hatten nicht unendlich Zeit und die Luft war dunstig von einem abendlichen Regenschauer, der verebbt war. Niedrige Wolken zogen in Fetzen über Northwic. Es würde schon angehen. Den Wall zu nehmen war einfach gewesen. Die Sachsen mussten sich sicher gefühlt haben in letzter Zeit. Wenn es Schlachten gegeben hatte, dann bloß kleine, tief im Süden, hoch im Norden. Scharmützel eher. Eine frontale Konfrontation war lang nicht mehr gewagt worden. Auch die Sachsen hatten keine großen Vorstöße mehr unternommen. Seit sie ihre Siedlungen in Küstennähe befestigt hatten, hatten sie Zeit, waren in einer komfortablen Lage. Um Londinium, das so viele Opfer gefordert hatte, hatte man gar nicht mehr gekämpft. Es war eine schleichende Entwicklung gewesen, doch mit der Zeit war die Stadt immer sächsischer geworden. Dass sich überall die Niederlage abzeichnete, hatte Cei überhaupt ja erst dazu gebracht, jene Expedition anzuberaumen.

Die anderen Ritter hatten ihren Seneschall kaum wiedererkannt. Wie er sich durch die Fugen der Festungsmauer aufwärts kämpfte. Mehrere Wachen lautlos und ganz allein erledigte. Manch einem schien es, er sei mit jedem Schwertstreich gewachsen. Das war der junge Cei wieder, der Cei, von dem die Geschichten sprechen!
Das abgetrennte Haupt war in einem der Wachtürme verborgen gewesen. Aufgebahrt, wie eine Reliquie, auf einem kupfernen Dreifuss. Daneben ein Kessel, auch kupfern, offenkundig uralt, wovon das Farbgemisch von leuchtendem Blaugrün und dunklem Rotbraun sprach. Ein Kessel wie tausende, unhandlich und für die nächtlichen Eindringlinge ohne Wert. Cei hatte den Kopf beim schütteren Haar gepackt, in seinem Sack gestopft und dann hieß es Beine in die Hand nehmen. Sie hatten schon wieder unten im Schlamm gestanden, der vom früheren Regen geblieben war, als oben die Trompeten Alarm bliesen.

***


Jetzt haben sie Feuer angefacht, hocken, verborgen im Dickicht der Uferwälder beim Wessum, um das Feuer geschart, und erinnern sich an ihre Heldentat. Es war nicht leicht gewesen, sich in der Finsternis durch das Gestrüpp zu arbeiten und manch einer der Ritter war auf dem durchweichten Grund ausgeglitten und schmerzhaft gefallen. Doch das Wissen, dass der Feind Verstärkung bringen könnte und sie doch noch erreichen, beschleunigte das Vorankommen. Und sie durften sich auf keinen Fall einholen lassen. Das Schicksal aller Brythonen hing, vielleicht, davon ab.
Doch sie waren rasch vorangekommen. Mittlerweile fühlten sie sich sicher.

Es hatte lange gedauert, bis Cei sich von den Hexen hatte umstimmen lassen. Nach der Schlacht von Londinium hatte er am lautesten über die verrückten Geschichten der Heidinnen gelacht. Doch seitdem war dem Land nicht viel Gutes geschehen. Gewiss, nach dem großen Sieg lebte man noch einmal, als sei die goldene Zeit König Artus erneut angebrochen. Doch das täuschte nur darüber hinweg, dass es nicht mehr möglich war, die Sachsen dauerhaft von der Küste fernzuhalten. Bald obsiegten jene immer öfter. Bald waren hier und dort neue befestigte Siedlungen entstanden. Und Londinium … Londinium. Dessen unaufhaltsamer Wandel hatte dem Seneschall am meisten zu denken gegeben. Wie um die Stadt, ohne jede Waffengewalt, immer mehr von diesen zeltartigen Hütten wuchsen. Schon entluden sächsische Schiffe im Hafen ihre Ware, direkt neben den Brythonischen. Die Händler, die Städter – sie nehmen, was sie kriegen können. Doch die Fremden bringen ihre schwarzen Götter. Den Hammerträger. Den blinden Alten im Baum, der dem Heiland spottet. Schauerlicher Frevel.
Und dann war Arthur ausgezogen, übers Meer, gen Rom. Und noch immer nicht zurückgekehrt. Die andere Hexe, bis zu dessen Abreise zuletzt immer um den König, hatte gar nicht mehr all zu oft über das verfluchte Haupt Brans des Gesegneten sprechen müssen. In Cei Kopf war sowieso ständig Gespräch. Er hatte angefangen, selbst auf die Anderen einzureden. Wenn es etwas gibt, das man tun konnte, mussten sie es tun.

Sie taten es.

***


„Hey, Cei, lasst den Guten doch mal sehen“
Jetzt, da sie fern von Northwic lagerten, fiel alle Anspannung von den Rittern ab.
„Ja, wir wollen wissen, was wir da erbeutet haben.“
Cei zögerte. Es schien ihm nicht ganz recht, das Haupt des legendären Königs derart zur Schau zu stellen. Doch hatte er selbst während des Raubzugs kaum einen Blick auf das Antlitz des Herrschers werfen können. Und immerhin, der war in den vergangenen Jahren wahrscheinlich täglich von gottlosen Sachsen angestarrt, gar berührt, worden.
„Macht schon, Cei. Zeigt uns den Alten!“
Die Neugier obsiegte.
Cei fasste in den Sack und griff das Haupt beim Schopf, wie er es schon in der sächsischen Festung getan hatte. Vorsichtig hob er Bran den Gesegneten hervor, trat näher ans Feuer und präsentierte den alten König am ausgestreckten Arm der Runde seiner Retter. Es war kein schöner Anblick, und doch erregte er Ehrfurcht. Äonen musste dieses Haupt alt sein, doch war das Fleisch nicht verfault, hatte sich nicht vom Schädel abgelöst. Allerdings war dies auch nicht das Antlitz eines Mannes, der in der Blüte seiner Jahre erschlagen wurde. Es wirkte, als sei Bran in der halben Ewigkeit, die er bereits begraben gelegen hatte, einfach immer weiter gealtert. Grau war die Haut, hing wie verlaufendes Wachs herab. Schlohweiß das Haar, doch überraschend fest. Tief die Furchen, die das flackernde Feuer als huschende Schatten über das Gesicht des Königs trieb. Und grausige Abwesenheit: Die Augen. Sie fehlten. Zwei schwarze Löcher klafften im Haupt wie in einem Totenschädel. Hatte Getier die Augäpfel gefressen? Hatten die unseligen Eroberer sie entfernt? Schwarze Löcher. Und doch blickten sie. Ein jeder am Feuer spürte es deutlich. Blickten klarer vielleicht als jedes gesunden Auges Blick. Cei schauderte. Dieser Kopf – in diesem Moment war ihm, als müsste er vielmehr Unheil als Hoffnung bedeuten. Mit einer gemessenen Bewegung führte er die Beute im großen Kreis noch einmal von Ritter zu Ritter, ein jeder staunte, ein jeder fröstelte. Dann öffnete Cei erneut den Sack, und schickte sich an, Bran den Gesegneten dort wieder hinein zu senken.

“Moment!”, donnerte da der Kopf des alten Königs. “Soll ich meine Retter denn nicht einmal begrüßen? Was für eine ungewöhnliche Gruppe… All diese eigentümlich verzierten Gewänder. Und wie Ihr glitzert. Habt ihr euch kostümiert? Nun, man senkt seine Ansprüche über die Dezennien…”
Die Ritter erstarrten. Zu Tode erschrocken stopfte Cei den Kopf mit einem kraftvollen Stoß in den Sack und verschnürte ihn. Dann bekam er es mit der Angst. Das war keine Behandlung, die eines Königs würdig. Mit zitternden Fingern nestelte der Seneschall an den Schnüren, und zog Brans Haupt wieder hervor.
„Nein“, machte der. „Seine Verbündeten kann man sich wirklich nicht aussuchen. Wer hat euch Hofnarren denn geschickt? Naja, alles besser als diese grimmigen Gestalten, die bei jedem Wachwechsel vor mir ausspuckten…“
„Ähem…“, sammelte sich Cei. „Gestatten, Cei, Sohn des Ector, Hofmarschall der Großkönigs Arthur.“
Und mit diesen Worten deutete er eine Verbeugung an, was einer gewissen Lächerlichkeit nicht entbehrte. Denn das Haupt in seiner Hand, vor dem Cei sich verbeugte, beugte sich mit ihm.
„Angenehm“, sagte Bran. „Mehr oder Minder. Scheint mir ja schöne Teufelskerle zu sein. Grobe Klötze, aber doch Teufelskerle. Hübsches Heldenstück heute Nacht. Auch wenn ich davon wenig gesehen habe. Oh, da kommen Erinnerungen hoch… Einmal zum Beispiel, da durchwatete ich allein, der Flotte den Weg weisend, die cymrische See, den unseligen Matholwch zu konfrontieren. Oder…“ Der Kopf unterbrach sich.
„Aber ihr habt sicher besseres zu tun, als einem alten Mann mit seinen Geschichten zu lauschen… Wie dem sei. Rechte Teufelskerle zumindest. Ihr habt doch auch den Kessel? Lasst mich nur gleich den Kessel sehen…“
Die Ritter hatten noch immer kein Wort gesprochen. Und wahrscheinlich hätten sie lieber weiter zugehört, als von dem Kopf ohne Körper zur Rede genötigt zu werden. Die Gesichter fahl weiß vor dem roten Feuer, die Glieder weich, in den Augen eine Mischung aus Furcht und Staunen, die nicht nachlassen wollte, so standen sie vor dem alten König.
Irgendwann ergriff Cei dann doch das Wort. „Welcher Kessel? Die Hexen haben nichts von einem Kesser gesagt…“
„Hexen?“, fragte der Kopf Brans des Gesegneten, scharf.
„Verzeiht. Die Anführerinnen der altcymrischen Truppen und der Kriegerinnen und Krieger von Gweriniaeth Iwerddon.“
„Ahh“, seufste das Haupt. „Es gibt also doch noch einige vom alten Geist. Aber auch sie sollten den Kessel vergessen haben? Den magischen Kessel Brans des Gesegneten? Jahre und Jahrhunderte ruhte seine verhängnisvolle Macht an meiner Seite im irdenen Grab. Jetzt haben jene ihn…“ – In seiner jämmerlichen Lage am ausgestreckten Arm des Cei versuchte Bran mit der Nase Richtung Osten zu weisen – „und Tag um Tag war ich gezwungen, ihren bösartigen Beschwörungen beizuwohnen, ohne etwas unternehmen zu können!“
„Der alte Topf da im Burgturm?“, fragte Cei, ehrlich verwirrt.
Da hob das Haupt Brans des Gesegneten an zu klagen in einer Weise, wie es die Ritter noch nie vernommen hatten. Verschleppte Maiden, todwund geschlagene Drachen, niemand hatte je eine solche Klage hervorgebracht. Hoch in die Himmel kreischte die Stimme Brans, zeriss die Wolkendecke, die sich vor den Mond geschoben hatte. In die Wälder, die Flüsse, die Erde fuhr sie, und unzählige Vögel des Wassers und des Waldes, Eulen und Amseln, Stare und Greife, Gänse und Schwäne, schwarze Raben und weiße Reiher, stieben verschreckt dem Mond entgegen.
„Oh Jammer! Oh Unheil! Oh Unheimlich unseliges Unglück. Der Kessel in den Händen der Feinde. Und die letzte Schlacht so nah!“, jaulte der Schädel. „Oh hätte man ihn doch nicht geschmiedet, der ewiges Leben verheißt, doch etwas schlimmeres bringt als den Tod. Der…“
„Haltet an euch!“, unterbrach Cei den Sermon. „Beim Herrn im Himmel, wovon sprecht ihr denn?“
„Von jenem „Topf“ natürlich, an den ihr nicht gedacht. Wisst ihr es denn wirklich nicht? Erinnert sich keiner mehr an die Zauber der Vorderen? Einen edlen Gefährten sollte der Kessel mir zurück ins Leben rufen, meinen treuesten Mitstreiter, den geschätzten Efnisien. Ja, er brachte ihn zurück. Und auch meinen Sohn, Caradawg, und viele weitere wackere cymrische Streiter. Doch wie… Doch wie! Kalt ihre Gebeine, leblos ihr Blick! Stumm ihre Münder. Ja, wir gewannen die Schlacht, doch wie viel mehr haben wir verloren!“
Bei diesen Worten funkelte Bran mit schwarzem Feuer aus den holen Totenaugen die gesamte versammelte Ritterschaft an, alle zusammen und jeden für sich.
„Sagt, habt Ihr nicht die Berge von Leichen hinter den Wällen bemerkt? Vielleicht schon miterlebt, wie sorgsam eure Feinde die Gefallenen von den Schlachtfeldern erretten? Wehe! Dieses Land ist nicht nur in der Welt der Lebenden dem Untergang geweiht. Auch der Tod hat sich gegen euch verschworen!“
Immer heftiger schwoll die Klage Brans des Gesegneten an, ward ein Sturm, der sich über dem Wessum ballte und entlud sich schließlich in einen säuselnden Singsang, in dem Sturmwind und der alte König um die Wette brüllten:
„Nie schließen sich die Gräber
nie endet finstre Nacht
Wer eben aus dem Leben schied
ist heut erneut erwacht.“
Wie von einem Wahn ergriffen sprangen die Ritter auf, und begannen Cei zu bedrängen, der noch immer den Schädel am ausgestreckten Arm so weit wie möglich von sich hielt. Im Westen stieg derweil am Himmel ein purpurner Schein auf.
„Es beginnt! Die verhängnisvolle Magie wirkt schon!“, donnerte Bran der Gesegnete. Die Ritter hatten sich rund um Cei geschart und griffen nach dem Seneschall und dem Schädel gleichermaßen, als wollten sie beide zerreißen. Da, plötzlich, wie von einer äußeren Macht geleitet, schleuderte Cei den grausigen Untergangspropheten von sich.
Die Zeit steht still. Alle Augenpaare folgen dem Haupt des alten Königs, das, einen weiten Bogen beschreibend, lang in der Luft hängt, als schwebe es. Ein Schrei. Zischen. Flammen haben das Haupt ergiffen. Schon fressen sie die weißen Haare, fressen das welke Fleisch von den Knochen. Ein dumpfes „…das Ende…“ dringt noch durchs Knistern des Feuers. Dann schweigt Bran, der Gesegnete. Das Feuer lodert noch, als die Ritter den Ort des Geschehens längst verlassen haben.

***


Sie hatten das Lager im Finstern abgebrochen. Von Nachtruhe hätte keiner der Ritter nur zu träumen gewagt. Bei Morgengrauen waren sie bereits an den niedrigen Barken angelangt, die sie vor ihrem nächtlichen Raubzug weitab der Stadt im Schilf verborgen hatten. Die sollten sie in sichere Gefilde tragen. Ein stiller Morgen. Niemand sprach. Mit leisen steten Schlägen gruben sich Ruder in die aufgewühlten Wasser des Wessum. Graue Wolken rasten am Himmel. Offenbarten nur selten etwas vom kühlen Blau. Ostwärts, wo Northwic bloß noch zu vermuten war, glühte der Himmel weiter düster violett. Ein dreckiges Grün hatte sich in die unheilige Glut gemischt.

***


Viel später am selben trüben Tag hat zumindest Cei ein wenig Schlaf gefunden. Unruhig wälzt er sich auf einer der Barken in einer schmutzigen braunen Decke. Eine Stimme spricht zu ihm im Traum.
„Grüßt Llywch Llawwynnauc von mir, Hasenfuß.“
Eine Stimme, die gehässig klingt. Eine bekannte Stimme. „Es gab eine Zeit, da war er mein Sohn. Leider, leider, wird er das genauso wenig verstehen, wie ihr.“ Die Stimme Brans des Gesegneten.
Noch im Erwachen sieht Cei den vom Feuer blank geputzten Totenschädel, nun ganz fleischloß, doch noch immer diese unbezwingbare Kraft in den hohlen Augen.
Oh nein. Kein Wort würde er zu Llywch Llawwynnauc sagen. Selbst wenn er wüsste, wo, und ob dieser noch unter den Lebenden weilte.

17 – Das Todeslied von Aeddon Mor

Unruhig ist die Insel des Lobpreises von Hu, die Insel des strengen Vergelters
Mona von den guten Schalen, Mona von der Männlichkeit. Menei die Tür.
Ich trank Wein und Honigbrand mit dem Bruder, der nun fort ist.
O allumfassender Herrscher, eines jeden Königs Ende, O großer Zerstörer.
Traurig ist der Dekan, da der Erzdiakon beerdigt ist.
Es gab und wird der Trübsal kein Gleiches geben.
Als Aeddon kam dem Land Gwydyen, aus dem grasigen Seon
kam das reines Gift durch vier herrlich anmutende Nächte.
Die Streiter fielen, Wälder waren kein Schutz gegen den Wind der Küste.
Math und Euuyd entfesselten mit dem Zauber die Elemente.
Im Leben von Gwydion und Amaethon war Rat,
doch Durchbohrt das Schild des Starken, des Glücklichen.
Die mächtige Formation seiner Reihen war nicht von Bedeutung.
Stark war er im Gelage, im Rat bekam er stets seinen Willen.
Der Vielgeliebte, er ging zuerst. Solange ich lebe, soll seiner gedacht werden.
Möge Christus mit uns sein, damit wir nicht verzweifeln, da bei den Aposteln,
den großen Priestern und den Engeln der Herrscher nun weilt.

Unruhig ist die Insel des Lobpreises von Hu, die Insel des strengen Herrschers.
Die Festung der Cymru blieb ruhig im Angesicht der siegreichen Jugend.
Der Drachenhäuptling, der rechtmäßige Herr über Prydein.
Der Herr ist verloren, ach! Unser Haupt ging nach der schwarzen Erde.
Vier Maiden, nach dem Verebben der Klagen, taten, was ihnen obliegt.
Von Schmerzen wiederhallten die Seen, die Länder, die Dörfer.
Des Herren Lauterkeit ist zu danken, dass das Leid uns nicht fraß.
Es wäre falsch, all seine guten Taten nicht zu erwähnen.
An Stelle von Llywy, wer soll gebieten, wer soll befehlen?
Wer soll anstelle von Aeddon Monas sanftmütige Herrschaft regeln?
Möge Christus mit uns sein, damit wir nicht verzweifeln, weder über Böses noch über Gutes.
Sondern Teil haben an der Barmherzigkeit im Lande des Herren des guten Lebens.

Englische Übersetzung / Walisisches Original

18 – Gaulehads Aus-, Lanzelots Rückzug


Eine winzige Abtei thront über Klippen, tief unten tobt das Meer. Eine Kapelle nur, einige Quartiere, ein Refaktorium, und einige Räume mit dem Nötigsten, was es für stille Exerzitien braucht. All die Räume aus rotbraunen Steinen gruppieren sich um einen kleinen Garten im Zentrum, wo ein paar Rosenbüsche stehen. Ein Ort, wie er friedlicher nicht sein könnte. Manch heftiger Wind, das Tosen der Brandung, das Geläut zum Morgengebet, das sind schon die größten Unruhen, die diese Abtei normalerweise kennt.
Über die vergangenen Monate hin aber hatte sich vor hölzernen Pforte immer wieder eine Gruppe von Männern eingefunden, deren breiten Schultern, deren vernarbte Gesichter, man die Kampferfahrung ansah. „Der Ritter soll herauskommen , und uns gegen die Sachsen führen“, forderten sie. Doch nach viel Tumult , lauten Rufen und langem Warten trat stets nur ein Priester hervor, der sagte: „Hier ist kein Ritter.“
So zog die Zeit hin und die Wartenden wurden immer weniger.

***


Einmal, als die seltsam Aufläufe schon beinahe wieder vergessen waren , betrat der selbe Priester vorsichtig die enge Studierstube , die an die kleine Kapelle renzte. Dort quollen die Regale über von Büchern. Schriftrollen lagen gestapelt, übereinander, mit schwer lesbaren Zettelchen am Griffstück, die dennoch das Auffinden bestimmter Texte erleichtern. Andere Bretter bogen sich unter dicken, in Leder gebundenen Codicis. Von einem leeren Schreibtisch aus erleuchtete eine flackernde Kerze den Raum. Dort platziert, als hätte man Sorge getragen, das gefährliche Feuer so fern wie möglich von allem zu entzünden, das es fressen könnte.
„Llwch Llawwynnauc“, sagte der Priester. „Draußen ist einer, der behauptet , er sei euer Sohn.“
„Ich habe keinen Sohn“ , antwortete ein Mann, der in einem Berg von Pergamenten über eine Schriftrolle gebeugt auf dem Boden der Stube saß.
„Jener sagte, ihr würde das sagen. ‚Teilt dem Vater nur mit, dass ich ausziehe, den Gral zu finden‘, sagte er mir. ‚Mit oder ohne Segen meines Vaters.’“
Da wurde der Sitzende hellhörig. „Hat er auch einen Namen genannt?“
„Gaulehad. Ein seltsamer Name, nicht?“
Der Sitzende erhob sich mit einem Stöhnen, wie von einem dumpfen Schmerz , der tief in all seinen Gliedern wohnte. Wer Lanzelot, den Ritter, noch vor Jahresfrist gekannt hatte , wäre erschrocken, wie alt dieser nun wirkte. Seit Arthur ihn, in Wahrheit aber sein eigener Schrecken über die beinah begangene Tat, so im Turnierkampf bezwungen hatte, hatte der Ritter das Schwert nicht mehr zur Hand genommen, mit dem er beinahe den Leib des Königs durchbohrt. Hatte sich zurückgezogen in jene abgelegene Abtei, die ihn einst auf den rechten Pfad geführt, um sich dort in den ihm verbleibenden Jahren ganz seinen früheren Studien zu widmen und den Weg erneut zu finden, den er verlassen hatte.
„Vater, ich habe schwere Sünde auf mich geladen“, hatte Lanzelot gebeichtet, nachdem er wie ein verirrtes Schaf geradewegs in den Klostergarten unter die versammelten Mönche gestolptert war, das Haar wild, die Wangen rot glühend, das Antlitz bleich wie im Fieber. Er war auf die Knie gefallen und hatte, seit die überschaubare Gemeinde ihn aufgenommen, das Studierzimmer kaum verlassen . Ob durch die Welt noch Ritter ritten, ob draußen die Schlachten noch wogten, und selbst nach der Königin, fragte er nie. Das verhängnisvolle Schwert aber hatte Lanzelot, Menetekel, am Kopfende seines Bettes aufgehängt, so dass er es jeden Abend vor dem Einschlafen anblicken musste.

***


„Reitet nicht, ich flehe euch an, es wäre das reine Verderben.“
Der alte und der junge Ritter hatten sich in das Refektorium zurückgezogen, das kaum doppelt so viel Raum maß, wie die enge Studierstube. Seit Stunden schon debattierten sie hitzig beim roten Schein eines Feuers. Zwischendurch hatte ein freundlicher Mönch einen Teller mit Brot und zwei große Humpen Bier aufgetragen.
„Vater, ich muss!“, drängte der Junge. “Das Reich liegt schon fast in Trümmern. Arthur ist nach Rom gezogen, um Hilfe zu holen bei seinen ältesten Verbündeten. Wir aber bezweifeln, dass es dieses Rom überhaupt gibt, wenn es es denn je gegeben hat. An der Front schlägt man sich noch wacker, doch die Wilden tragen den Hauptteil der Last, und die Ritter selbst verfluchen die Ritterlichkeit und mancher kämpft gar bereits auf der Seite der Feinde.“
Der alte Lanzelot schüttelte traurig den Kopf. „Die Brythonen brauchen einen Anführer, nicht noch einen Eiferer, der in der Wildnis herumirrt um einen verdammten Becher zu suchen!“
„Einen Anführer? Solltet ihr nicht dieser Anführer sein ?“
Vor Gaulehads wütenden Worten streckte Lanzelot traurig die Waffen: „Nein. Das gewiss nicht. Ihr wisst, dass das nicht möglich ist.“
„Es ist tatsächlich nicht möglich“, sagte Gaulehad, plötzlich in sehr bitterem Tonfall. „Vater, ihr habt den König doppelt verraten…”
Lanzelot nickte, langsam und bedeutungsvoll.
“Ich aber werde den Gral finden und seine Kraft, seine Reinheit, wird unsere Kraft, unsere Reinheit erneuern und einmal mehr werden die Ritter zusammen stehen!“
Lanzelot sah den Jungen vor sich, wie er vor Begeisterung glühte, wie der Feuereifer in seinen Augen brannte, und ihm fehlten die Worte. Er schob sich einen Kanten trockenen Brotes zwischen die Lippen und kaute. Schluckte. Hustete. Schüttete dann einen großen Schluck Bier nach, kaute wieder und schluckte und sprach noch immer nicht. Bei Gott und allen Heiligen, der junge Ritter erwartete eine Antwort. Und wie gern würde Lanzelot noch irgend etwas tun. Den Zögling bestärken, ihm ein paar warme Worte mit auf den Weg geben. Ihn aufhalten. Aber es würde doch alles nicht helfen.
“Junge”, setzte Lanzelot endlich wieder an. “Schau, ich habe das gute Buch von hinten bis vorn und von vorn bis hinten gelesen. Und alle Kommentare, die die emsigen Diener des Herrn hier zu versammeln wussten. Du hast am Hofe auch vieles gelesen, gesehen, vieles studiert. Du müsstest es beinahe genauso gut wissen wie ich. Und ich sage dir: Es gibt keinen Gral. Wir müssen aufhören Geister zu jagen. Der Herr lenkt, wir sind Werkzeug. „
Gaulehad erhob sich, bestimmt, gravitätisch.
“Wenn ihr so denkt, Vater, dann haben wir uns nichts mehr zu sagen.”
Und auf den Absätzen machte der Ritter kehrt und stürmte davon.
“Sohn! Mein Sohn!”, flehte Lanzelot. Auch er war auf den Beinen, bereit, dem jungen Ritter nachzueilen. Doch fiel ihm jeder Schritt schwer, und als er endlich zur Pforte der Abtei heraustrat, antwortete dem Quietschen von Metal auf Metal nur noch das Trappeln ferner Hufe im Wind.

***


Was seither mit beiden geschah, verliert sich in den blutigen Wirren des Krieges. Es kann nicht lange nach diesem Gespräch gewesen sein, dass die Sachsen erstmals weit in den Nordwesten vorstießen und neben einigen schwach befestigten Dörfern auch die altehrwürdige Abtei nahmen, deren Name selbst heute vergessen ist. Denn die Angreifer machten keine Gefangenen. Eine Kirche, die Bestand hatte, soweit Brythonen zurückdenken, brannte bis auf die Grundmauern nieder. Mordred, das Schwert, soll dabei in die Hände der sächsischen Eroberer gefallen sein. Von einem Ritter, der in der Abtei ermordet wurde, wusste niemand zu berichten. Einen alten Mann aber hätten die Sachsen über den Kirchhof getrieben und ihre wüsten Spiele mit ihm getrieben, bis dieser sich in einem letzten Kraftakt losriss und sich über die Klippen herab nach dem Meer stürzte.
Von Gaulehad sangen die wenigen Baden, die noch sangen. Von unbeschreiblichen Abenteuern, die er im hohen Norden erlebte, stets halb vom Nebel des Hochlands verhüllt. Von einem Zusammentreffen mit Peredur, der den jungen Ritter forderte, wie er jeden forderte, der ihm begegnete, und der endlich von Gaulehad geschlagen wurde, und von dessen Schicksal seither endgültig nichts mehr bekannt wird.
Oder auch davon, wie die beiden schließlich erneut den Weg nach Munsalvaesche gefunden hätten, wo Gaulehad, womöglich, Aufnahme fand. Trat der junge Ritter, der reinste unter den Reinen, schließlich dort die Nachfolge des Anfortas an?
Es muss doch wohl so sein, oder nicht?
Sonst wäre Gaulehad sicher längst zurückgekehrt.

Bild: wikiart, gemeinfrei

15 – Das Diamanten-Turnier

„Diese Zeiten geben Grund zur Sorge“, sagte der König. Er stand, auf die Zinnen des inneren Walls gelehnt, nahe des Turms, den Myrrdin Wylt bewohnt hatte und blickte über die abendliche Stadt. „Die Ritter halten mich für schwach. Und dann dieser schmähliche Verrat…“ Rauchsäulen erhoben sich über den Dächern. Graues Abendlicht erhellte im Westen einen bedeckten Himmel. Noch regte sich Leben in den Straßen, doch schon befallen von der trägen Müdigkeit, die die nahende Nacht bringt. Marktstände wurden verrammelt. Kinder, die zwischen den Hütten eine Art Fang- oder Kampfspiel spielten, wurden von ihren Eltern zusammengetrieben. Auch aus dem Burghof im Rücken des Königs drangen noch ausklingende Geräusche spielerischer Kämpfe.
“Grämt euch nicht zu sehr“, sagte Vivienne, die an der Seite des Königs stand. „Wenn die Körper wollen, stellt der Geist sich nicht in den Weg. Nur Unheil entsteht daraus.“
Anfangs hatte es viel Gerede und auch manchen bösen Wortwechsel gegeben, als die Heidin sich in der Heimstadt des alten Weisen einzurichten begonnen hatte. Doch hatte sie schon des Königs Protektion gewonnen, und diesmal hatte sich dieser noch durchgesetzt. Dann waren es die vielen kleinen Scharmützel, in denen die Truppen sich aufgerieben hatten, die alle Aufmerksamkeit beanspruchten. Und Vivienne hatte ihre Rolle gut ausgefüllt als neue Ratgeberin. So gewöhnt man sich an alles und das Gerede war größtenteils verstummt.
„Die Fähigkeit, sich in den Weg zu stellen, was immer der Körper will. Das macht gerade das Menschliche aus“, gab der König zurück nach längerem nachdenklichen Schweigen. „Vor allem aber: Dieses Treiben blamiert mich. Untergräbt meine Ehre. Sägt am Thron. Und das von meinem treuesten Freund und meiner treuesten Freundin… „
Die Nacht rauschte rasch von Osten heran. Ein später Nachen trieb auf dem Usk tapfer auf diese Finsternis zu.
„Nein“, sagte Arthur, und ballte entschlossen die Faust. „Ich muss etwas tun. Ich habe lang genug zugesehen. Oh, sie alle glauben, ich wüsste es nicht. Ich wäre blind. Dabei hoffte ich doch nur, es ebbe wie alles irgendwann wieder ab und die Sache würde sich geben, ohne dass Blut fließt. Aber er muss meine Klinge zu spüren bekommen. Selbst wenn ich bei dem Versuch untergehe.“ “Gemacht… Gemach.“ Vivienne hatte die geballte Faust des Königs ergriffen und öffnete sie nun, die Finger sanft streichelnd, wie die Faust eines Kindes. „Es kam noch nie etwas Gutes dabei heraus, wenn Männer meinten, sich um Frauen schlagen zu müssen. Erinnert ihr euch nicht an die Geschichte von Deidre?”
“Deidre…?”, murmelte Artur, zerstreut.
„Die Tochter eines Fürsten war sie, und Conchobar mac Nessa, dem König von Ulster versprochen. Der Druide Cathbad prophezeite, sie werde heranwachsen zu außerordentlicher Schönheit, alle Wagenkämpfer Eíres würden Krieg führen um ihretwillen, und die drei größten Krieger Ulsters werde man wegen Deidres verbannen. Drum ließ man Deidre weitab aufwachsen, im Reich der Zauberin Leborcham. Doch ein Mensch geht mit offenen Augen durch die Welt, und die junge Frau sah einen schönen Mann und verliebte sich. Der aber wahr Naoise, Sohn des Uilisis, den die Jagd in jene abgelegenste Gegend verschlagen hatte war. Das Paar floh gemeinsam und nun…
Ihr könnt euch vorstellen, was weiter geschehen. All dies Blut, und letztlich, zu welchem Zweck? Und nur, weil ein paar Krieger dachten, es sei an ihnen, Deidres Schicksal zu bestimmen.“
“Ach…”, seufzte Artur, als Vivienne geendigt hatte. “Vielleicht könnte ich sogar verzeihen. Ich bin nicht mehr der Jüngste. Glaubt mir… ich denke nicht mehr mit den Lenden”. Der König musste schmunzeln. “Nun, nicht oft. Aber seht ihr nicht, dass das Reich zerfällt? Mein Werk. Mein Leben. Unser aller Gut. Und Ritter, die Armeen führen sollten, streiten untereinander, gehen ihren Privatvergnügen nach und lassen eure Truppen die Grenzen sichern. „
“Es ist wahr…“, gab Vivian zu. „Und alles ist schlimmer geworden Seite diese fixe Idee mit dem Gral sich im Land verbreitet.“
“Sie jagen dieses verdammte Hirngespinst, weil ihnen die Zukunft Angst macht”, fluchte Artur. “Und die Sachsen etablieren derweil an der Küste ihre eigenen Städte und Befestigungen, und sehen genüsslich unserem Niedergang zu. Und dann ist da noch die Sache mit Peredur, dem Verrückten. Wie ein Geist treibt es ihn im hohen Norden um, und dann und wann schlägt er einen Reiter zu Klump und schickt ihn hier her, dass er sich dem König unterwerfe. Ich aber frage euch, was soll ein König anfangen mit einer Bande schwer Verwundeter, die nie wieder reiten werden und noch dazu Groll hegen auf den König und die seinen?“
Ein Schwarm Gänse brauste schreiend durch die angebrochene Nacht, aus der schon alles Licht des Tages geflohen war.
„Nein!“, entschied Artur. „Ihr müsst es doch auch sehen. Alles zerfällt! Blut muss fließen. Llwchs oder meins. Dann sollen die Ritter dem folgen, der noch steht. Vielleicht folgen sie dann wenigstens wieder.“
„Es kam noch nie etwas Gutes dabei heraus, wenn Männer meinten, sich um Frauen schlagen zu müssen“, wiederholte Vivienne. “Hört… Ich habe eine bessere Idee…“

***


Lang bevor Arthur König ward und die Dame vom See ihn mit dem Schwert bedachte, das niemand je bezwungen, war auch er ein junger Ritter, der rastlos nach Abenteuern Ausschau hielt in den Ländern von Cymru und Logres. Einmal kam der junge Ritter in ein steil ansteigendes Tal hoch im Gebirge. Schwer zu greifender Schrecken wehte ihn an aus diesem Tal, lag wie Nebel dort über dem grauen Grund. Doch Artur, unverzagt, wandt sich nicht um.
Zwei Brüder hatten hier in alter Zeit gefochten, die Namen lang vergessen und ebenso der Anlass. Doch jeder traf den Anderen mit tödlichem Schlag, und beide fielen und alles Leben wich aus dem Tal. Noch immer lagen dort ihre Leichen, die Knochen kalt und bleich. Einer der Brüder war ein König gewesen und der Knochenschädel trug seine Krone. Ehe Arthur kam, hatte niemand sich in dieses Tal gewagt. Fünf Diamanten prangten in der Krone. Einer, vorn, ein gewaltiges Heptagon, die anderen, etwas kleineren, zu beiden Seiten. Der junge Ritter kämpfte sich aufwärts über den steilen Pass, unter einem nebelvergangenen Mond, und fand die beiden Brüder so. Schwert in Körper an Schwert in Körper, gerade wie sie miteinander um den Tod gerungen. Erst sprach Artur ein Gebet, dann nahm er die Krone auf. Mit Felsen, die er im Schweiße seines Angesichts herbeischleppte, bedeckte er die Toten. Schließlich konnte er nicht widerstehen, und setzte die Krone aufs eigene Haupt. Da donnerte es überall aus dem Gebirge her und tief in sich vernahm Artur eine Stimme:
„Auch du sollst einmal König sein!“
Noch im Fortschreiten entschied der König jedoch:
„Die Krone, sie sei mein. Die Steine – irgendwann dienen sie dem ganzen Reich.“
An jene Steine hatte Vivienne den König erinnert.
„Tragt ein Turnier aus“, sagte sie. „So wie es euch früher gefiel. Ein Fest, über mehrere Tage. Mit allem Prunk, der noch denkbar ist. Und wer siegt, bekommt den Mittelstein, und die folgenden vier die weiteren Diamanten. Jene sollen als die Heerführer markiert sein, die die Briten fortan gegen die Sachsen führen, der große Stein aber führt sie alle, und folgt euch, vielleicht, eines Tages, auf den Thron.“
“Jaja… jaja…”, brummte Artur. “Das ist schonmal ein Anfang. Aber werde ich so das Vertrauen meiner Männer zurück gewinnen?”
“Das”, sprach Vivienne, “gewinnt ihr, indem ihr selbst ins Turnier reitet. Mag sein, Lanzelot bezwingt ihr nicht, und auch den geschickten Gawain. Doch solange ihr Kampfesmut beweist und euch nur gut schlagt… Die Welt liebt einen König, der sich unter die Männer mischt. Ihr könnt es doch?“
“Ich bin zwar alt „, sagte der König, „doch noch nicht tot. Und selbst wäre ich halb tot, es gäbe manchen Ritter, der mir unterlegen wäre.“

***


Der große Tag war gekommen. Wimpel in Weiß und Rot, von feinem Gold durchwirkt, wehten rundum über Camelot. Das Volk hatte sich versammelt auf dem Turnierplatz südlich des Ysgyr. Hörner schmetterten, doch kamen kaum an gegen den Tumult der erwartungsvollen Gespräche. Alle Ritter, die noch konnten, waren angetreten. Bors und Bedivere, Erec und Gawain, Morien, Ector, Dinadan und viele mehr, und auch jener junge Mann, der sich Gaulehad nannte, und dessen sich Lanzelot zuletzt so voller Liebe angenommen.
Vor den Augen Guineveres defilierten die Ritter nun in glänzendem Spalier. Rot glühte die Morgensonne herab auf den Platz. Ein Meer von Menschen, Zelten, Pferden, Ochsen, Karren – und ein Wald von Lanzen.
Gerade erhob sich die Königin, schickte sich an, das Zeichen zu geben, die Kämpfe beginnen möchten beginnen. Ein Raunen ging durch die Menge:
Wo ist der König?
Doch gleich wurde das übertönt von lauten Ausrufen der Verwunderung. Denn den Ysgyr hinauf jagte ein Ritter, den hatte man noch nie zuvor bei Hofe gesehen. Auf einem schwarzen Pferd ritt er, dunkles Leinen trug er über einem Kettenpanzer, dessen Eisen selbst düster war, dass man es schwarz nennen wollte. Der Helm derweil zog sich so tief übers Gesicht, dass unmöglich festzustellen war, wer darunter steckte.
„Habt Ihr noch Platz für einen weiteren Kämpfer?“ donnerte der Ritter ins Rund. „Oder wagt ihr es nicht, gegen mich anzutreten.“
„Kommt nur, Krieger!“, sagte Cei, der Seneschall, und nickte dem Fremden kühl zu. „Des Artus Ritter fürchten keinen Gegner.“
Die anderen Bewerber um die Krondiamanten tuschelten. Nur Lanzelot stand abseits und wog nachdenklich die Lanze in der Rechten.

Erneut erhob sich die Königin, und erneut erhoben sich mit ihr die Fragen:
„Wo ist der König? Der König ist nicht hier!“
Doch Guinevere zog ein rotes Stofftuch hervor, ließ es im milden Sommerwind wehen, und senkte den Arm. Cei nickte in Richtung der Schiffe, die am Ufer des Ysgyr festgemacht hatten. Von dort schmetterten ein weiteres Mal die Hörner.
“Mögen die Kämpfe beginnen!“

***


Oh, was für ein Fest das war! Ein solches Turnier hatte Camelot nicht mehr gesehen, seit den ältesten Tagen, da aus streitbaren Landesfürsten Ritter geworden waren. Da sich die einzelnen Herrscher aus ihren Hillforts herausbegeben, an den Hof von König Arthur, da sie Verwalter mit ihren Ländereien betraut hatten, und fortan gemeinsam mit dem König zum Wohle des Landes herrschen. Nicht mehr Krieg um Krieg verheerte dann das so leicht zu erschütternde Brythonien. Sondern auf großen Turnieren maß man die Kräfte und schlug ansonsten zu mit geeinter Kraft. Viele jener Verwalter nannten sich heute selbst König, und der Krieg ist zurückgekehrt von innen und außen. Die Runde wurde dezimiert, viele gute Männer verloren. Doch heute erstrahlten Stadt und Burg im alten Glanz, erschollen die alten Gesänge, wallte der alte Enthusiasmus noch einmal ungebremst auf und die versammelte Menge erlebte manch glorreichen Kampf. Am Vortag schon hatten sich Schützen gemessen, und auf Usk und Ysgyr hatten die Fischer nacheinander gestochen. Jetzt aber stand das Herzstück eines jeden Turniers an, der Tjost, der Kampf mit den Lanzen zu Pferde. Natürlich hatten bald Gawain und Lanzelot, auch Bors und Bedivere ihre jeweiligen Herausforderer bezwungen, die von weither angereist waren, nur für den Ruhm, sich von einem dieser Krieger vom Pferd stoßen zu lassen. Überraschend gut hatte sich auch Cei geschlagen, der es sich nicht nehmen ließ, sich noch einmal mit den anderen Rittern zu messen. Und Gegner um Gegner vom Pferd geworfen hatte der junge Gaulehad, der beinahe schon an Lanzelots stoische Ruhe im Sattel heranreichte. Dem die Geschmeidigkeit und die Kraft der Jugend manchen Vorteil schenkte, wenn auch hier und dort noch fehlende Erfahrung aufblitzte. Gerade schlug mit spielerischer Leichtigkeit Gawein Erec, der im Staube gar nicht mehr zum Schwert griff, sondern seine Niederlage sofort anerkannte. Dabei hatte der zuvor noch Cei, endlich, die erwartete Niederlage bereitet. Und Gaulehad stand nun dem Ziehvater gegenüber. Lanzelot, der ein Mann von großer Güte sein mag, doch auf dem Turnierplatz wie auf dem Schlachtfeld kennt er keine Gnade.
Der Jüngere machte es dem Älteren wahrhaftig nicht leicht. Zwar war es Lanzelot schon beim zweiten ineinander Reiten gelungen, Gaulehad aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch jener war sofort wieder auf den Beinen und setzte, die Lanze wie eine Pike gebrauchend, beim dritten Anritt des Älteren einen sicheren Treffer. So führte man zu Fuß den Kampf fort und Schlag gab Schlag, Parade Parade. Gaulehad focht wie ein Meister, doch wie man auch den Schild und die Füße zum Einsatz bringt, um dem Gegner den Rhythmus zu rauben und die entscheidenden Treffer zu setzen, das hatte er noch nicht ganz gemeistert. So lag nach einigen schweißtreibenden Minuten der Jüngere auf dem Rücken und der Ältere reichte ihm die Hand, zog ihn zu sich empor und gratulierte zu einem guten Zweikampf.
Nur ein Kontrahent würde nun noch zwischen Lanzelot und dem großen Diamanten stehen.

***


Nach dem Sieg hatte Lanzelot sich davongestohlen. Weit abseits der tobenden Menge, abseits auch von den anderen Rittern, war er ein Stück flussaufwärts gewandert und in den kühlen Schatten des ufernahen Forstes, hatte sich zwischen den grünen Zweigen verborgen, um sich zu konzentrieren. Doch da er so durch den Wald wandelte, sinnend, sah er, wie von einer Lichtung einige hundert Schritt entfernt etwas metallisch blitzte. Vorsichtig schlich Lanzelot sich an. Auf einem Baumstumpf saß der schwarze Ritter im Gespräch mit einer Frau, die er an dem von mattem Grün und leuchtendem Blau durchwirkten Leinenkleid leicht als Vivienne erkennen konnte, die neue Beraterin des Königs. Dann war der, der ihm den Rücken zuwandte, kein anderer als – ! Oh, das sah ihm ähnlich…
Als sei es ein Spiel hatte der schwarze Ritter sich durch das Feld der Gegner gewühlt. Nur mit Gawain, der gewiss körperlich der Stärkere gewesen, hatte er einige Schwierigkeiten gehabt. Doch war es Lanzelot gleich vorgekommen, als kenne der andere jede Schwäche des manchmal übermütigen Gawain, dem selbst der große Krieg den Übermut noch nicht ganz ausgetrieben hatte, und so hatte der Schwarze triumphiert.

Was aber blitzte da, an den Baumstumpf gelehnt, auf dem der König kauerte, leis mit der Magierin Worte wechselnd? Die scharfe Schneide des Schwertes! Des Schwertes aus dem See, das immer trifft und stets tödlich ist.
„Es ist alles ein perfides Komplott!“ schoss Lanzelot ein siedendheißer Gedanke ein. Ganz vorsichtig, die beiden im Blick behalten, zog er sich zurück. „Der König will mir an den Kragen, er wird nicht das stumpfe Turnierschwert tragen sondern diese unbezwingbare Waffe. Oh, er weiß alles! Es wird wie ein Unfall aussehen. Ein lässlicher Fehler…“
Lanzelot schauderte. So weit ist es mit den Brythonen gekommen? „Nun“, dachte der ruhmreichste der Ritter der runden Tafel. „Was der König kann, kann ich auch.“

***


Als die beiden sich zum Duel rüsteten und aufsattelten, die Lanzen bereit, gelegt in die Beuge des rechten Arms, den Harnisch geschnürt, den Helm tief im Gesicht, da lauerte an Lanzelot Hüfte das Schwert, das die Hexen gebracht hatten, wie an der Hüfte des anderen das immer tödliche Schwert aus dem See.
Lanzelots Hand fuhr unwillkürlich zum Schwertgurt. „Mordred“ hatte Morgana die Klinge getauft, hatte sie ihm überantwortet in einer Mondnacht, an einem Weiher, im Wald, als das Wasser so silbern den Himmel spiegelte wie die Klinge blitzte. Hatte gesagt „hütet das Schwert, auf dass es das Reich hüte. Diesem Eisen ist eine Zukunft verheißen.“ „Sagt, welche?“, hatte Lanzelot gefragt. Und Morgana hatte mysteriös geantwortet: „Nur einem war es gegeben, die Zukunft zu sehen, und der weilt nicht unter uns. Wir müssen uns mit dem Wissen begnügen, dass große Ereignisse bevorstehen.“
Zwei Klingen, die keine andere Klingel pariert, die kein Panzer aufhält. Der Ritter schüttelte sich, konzentrierte sich auf den bevorstehenden Kampf. Und wissend, dass es hier vor aller Augen um Leben oder Tod gehen würde, machte er sein Schlachtross den Anderen bestürmen.

***


Der Aufprall war heftig. Zuerst hob es den schwarzen Ritter aus dem Sattel. Wie ein Meteor stand er in der Luft, gleißend im Sonnenlicht, und stürzte, massig Staub aufwirbelnd, zur Erde. Dem Publikum stockte der Atem. Die Königin riss es von ihrem Sitz. Doch auch Lanzelot hielt sich nicht, verlor die Balance, und glitt, im Rücken des Schwarzen, aus dem Sattel, unsanft durch die aufgewühlte Erde des Turnierplatzes rollend.
Fanfaren.
Das rote Tuch der Königin im Wind.
“Noch ein Ritt, Herr?”, fragte der Schwarze.
“Nein”, gab Lanzelot grimmig zurück.
“Lasst es uns gleich ausfechten. Es wird ja doch dazu kommen.”
Die Gegner ziehen die Schwerter. Umkreisen sich. Lauernd. Als der schwarze Ritter seinen ersten vorsichtigen Stich macht, nur um die Abwehr des Anderen zu testen, erkennt Lanzelot, dass etwas nicht stimmt. Das ist nicht die blankpolierte scharfe Schneide, die er auf der Lichtung gesehen hat. Der andere schwingt ein mattes, stumpfes Turnierschwert, wie alle anderen Kämpfer auch. Das todbringende Mordred in der Rechten zieht Lanzelot sich einige Schritte zurück. Zweifelnd. Zweifelnd. Aber er hatte doch gesehen… Oder hätte schwören können, dass der König… Die Gelegenheit wäre so günstig gewesen. Warum sonst hätte er inkognito erscheinen müssen? Warum sonst verschleiern, mit welchem Krieger man es zu tun hat?
Der schwarze Ritter zumindest hat nicht bemerkt, was für eine Waffe sein Gegenüber führt. Von der Zögerlichkeit des Anderen angestachelt, hat er sofort nachgesetzt, kraftvolle Schläge über dem Kopf ausgeführt, einen Stoß mit dem Schild, einen ansatzlosen Stoß mit dem Schwert hinterher, vor dem sich Lanzelot nur durch eine rasche Drehung hat retten können.
„Der Schwarze siegt! Lanzelot ist schon geschlagen!“, stöhnt es auf den Rängen. Da greift den Ritter eine Wut, die er selten gekannt hat. Vielleicht ist das mit dem Schwert bloß ein weiterer Trick? Der König, der doch weiß, dass Lanzelot der Stärkere ist, wirkt zumindest seltsam selbstbewusst. Und vielleicht hat die verdammte Hexe einen Zauber gewirkt? Den nächsten Schlag pariert Lanzelot, taucht unter dem Schwert hindurch und geht selbst zum Angriff über. Direkt nach dem Herzen zielt er mit einem kraftvollen Stich, der des Königs Verderben sein muss. Der Panzer wäre kein Schutz gegen die Klinge Mordred. Und indem er den Stich führt, wallt eine heiße Erwartung in Lanzelot auf. Der alte König endlich aus dem Weg. Der Weg frei für Guinevere und mich. Schon trifft die Waffe auf Metall und –
Oder nein, trifft nicht. In einer eleganten Bewegung, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, hat der König die Schulter nach hinten verschoben, ist in den Hüften eingeknickt und steht nun in Lanzelots Rücken. Von der Wucht seines Angriffes wird der Ritter aus der Reichweite des Schwerts des Königs getragen, der sofort zum Gegenschlag ausgeholt hat. Und kaum hat Lanzelot sich wieder gefasst und dem Anderen zugewandt, findet er sich erschüttert von einem tiefen Schrecken. Was hat er getan? Ja ist er denn des Wahnsinns? Hat er versucht, den König zu töten? Seinen ältesten Freund?
Die kommenden Attacken wehrt der Ritter nur noch halbherzig ab. Einmal versagt ihm beinahe die Kraft der Beine, beinahe wäre er eingeknickt, kann sich nur noch durch einige Halt suchende Schritte rückwärts retten. Wenn er eigene Streiche ausführt, dann bedacht, den Anderen nicht an verwundbaren Stellen zu treffen. Noch einmal stößt er vorwärts und der schwarze Ritter lässt Lanzelot ins Leere laufen. Das rechte Bein aber bleibt stehen und Lanzelot kommt ins Straucheln. Wenig geschickt fängt er sich mit einer Rolle über den Schild und bevor er noch die Augen aufschlagen, geschweige denn wieder auf die Füße kommen kann, spürt er die Klinge, die sich auf seine Brust setzt.
Das also ist das Ende. Jetzt ist Lanzelot wieder ganz überzeugt, die stumpfe Turnierklinge sei nur Gaukelspiel.
„Nein… Nein… habt Erbarmen … alles, was wir miteinander durchgestanden… „, stammelt der Ritter, und robbt dabei, auf den Ellbogen, mit den Füßen schiebend, rückwärts ausweichend durch den Dreck des Kampfplatzes. Der König senkt das Schwert. Pling. Geräusch von Metall auf Metall.
„Gewonnen“, lacht es unter dem Helm heraus. Dann wendet der schwarze Ritter sich den Tribünen zu, reißt den Helm vom Kopf und gibt sich zu erkennen. Ohrenbetäubender Jubel. Staunen unter den Geschlagenen. Ein wissendes Lächeln im Mundwinkel der Königin. Eine Traube von Rittern, die ihren König umringen.

***


Aus dem Turnier wurde ein rauschendes Fest. Was die Keller Camelots an Köstlichkeiten hergaben, wurde aufgetragen, Spielleute traten auf und allerlei Mummenschanz wurde veranstaltet. An den reich gedeckten Tafeln fanden nicht nur der König und seine Ritter Platz. Die ganze Stadt war anwesend und tafelte mit dem Hof. Der Wein floss in Strömen. Und als die Nacht anbrach, hatte man Feuer geschürt und der Kampfplatz war ein roter Flecken im schwarz, unterm Sternenhimmel. Endlich war es daran, den Sieger mit dem großen Diamanten zu bedenken, und die vier Heerführer mit den kleineren Karfunkel. Aus der Hand der Königin empfing der König sein Kleinod, das er redlich errungen hatte. Mit den weiteren Steinen bedacht wurden Gawain, Gaulehad und Bors. Doch einer fehlte, der hätte zum Anführer der Anführer und zum Stellvertreter des Königs im Feld gekürt werden sollen.

***


An den Feuern sind die Barden in einen Wettstreit getreten. Andächtig lauscht, wen der Wein noch nicht gefällt hat, wen der aufgeblähte Bauch noch nicht in die Bettstatt getrieben. Immer wieder wird der Barden Gesang geschluckt von vielstimmigen Chören der Feiernden. Barden, Ritter, Gäste, alle schmettern sie die Lieder mit einer Stimme nach dem sternenübersäten Firmament.
Von fern trägt die kühle Nachtluft den Gesang jemandem zu, der einem schmalen Bachlauf immer tiefer in den Wald folgt. Sein Gang ist unsicher, vorsichtig und doch nicht vorm Stolpern gefeit. Als trüge der Mann an einer schweren Verletzung. Der Bach rauscht, ganz sacht rauscht auch das Laub des Waldes im zartesten nächtlichen Windhauch. Sternenhimmel und Bäume umschließen den Wanderer von allen Seiten. Als verengte sich um ihn eine Höhle, die die ganze Welt ist. Schwächer und schwächer dringt der Gesang von dem Feuer an die Ohren von Llywych Llawwynnauc.
Lanzelot wird nie wieder nach Camelot zurückkehren.

14 – Ein Gang zwischen Bäumen

Vivienne schlendert verträumt über die weichen Wiesen zwischen den schlanken Stämmen des lichten Forstes von Gwent. Über einen wolkengleichen Teppich aus Nadeln. Durch raschelndes Laub.
Schmetterlinge, leuchtend Blau. Der Gesang einer Drossel. Wie viele solche Gänge hatte sie hier über die vergangenen Mondzyklen mit Myrrdin getan. Sie hatte diese Zeit, auch wenn eine innere Stimme sie gequält hatte, genossen.

Denn sicher, sie hatte ihn ausgenutzt. Hatte an den Lippen des Alten gehangen, hatte selbst gelehrte Diskurse mit ihm geführt oder gelauscht, wenn Talesien, der Barde, zu Gast war und sie sich hatten in Rage reden können: Wie die Sterne heißen und ob sie unterschiedlich weit von uns entfernt oder alle in einer Sphäre liegen. Wie Gott zwischen Himmel und Erde die Wetter anrühre, wie die Wolken aus den Flüssen trinken und, wenn sie satt sind, als Regen über uns hereinbrechen. Welche Fische es in den Flüssen von Cymru und Logres gibt, und was ihre Namen. Welche Vögel die Lüfte bewohnen und wie sie fliegen. Für besonders lebhaften Streit hatte zwischen dem Seher und dem Baden regelmäßig die Frage gesorgt, wie man wisse, dass ein Vogel ein Vogel, ein Fisch ein Fisch sei. Sind wir es, die aufgrund einiger Äußerlichkeiten diese Einteilung vornehmen? Oder hat jeder Vogel teil an einer jenseitigen Vogelnatur, jeder Fisch an einer Fischnatur? Was wäre, wenn man auf einen Fisch mit Flügeln treffe? Doch so leicht es geschah, dass sie sich an einem solchen Thema festbissen, so leicht sprangen sie auch von fliegenden Fischen nach Ultima Thule, das die nördlichste Siedlung der Menschheit sein soll, und von dort in den Süden nach den sagenumwobenen goldenen Äpfeln der Hesperiden, und was wohl ihre Wirkung gewesen, oder ob die Argonauten, das gefallene Troja, Aineas, Brutus und seine Reise nordwärts, aus der Logres erwuchs und das ganze Brythonerland, auch solche Legenden seien oder wirklich geschehen. Vivienne hatte dann oft leis in sich hinein geschmunzelt. Nicht weil sie zu all diesen Dingen nichts zu sagen wüsste. Die Seefahrer von Eíre hatte manches gesehen, wovon Myrrdin und Talesien nur wachend träumten, ja, sogar Fische mit Flügeln! Und von Ultima Thule, dass sie Eeslynn nannten, brachten sie von Zeit zu Zeit wertvolle Häute, funkelnde Kristalle und Geschichten von Bergen, die Feuer und Wasser speien. Aber dieses wilde Theoretisieren, dieses fast wahnsinnige nicht nur die Dinge wissen wollen, sondern die Dinge hinter den Dingen und selbst noch die Dinge hinter den Dingen hinter den Dingen, das war ihr fremd. Doch vielleicht konnte man selbst davon etwas lernen, und darum ging es: Lernen, um besser raten zu können, damit der schwankende König ihrem Wort vertraute. So viel stand auf dem Spiel. Und trotzdem: Eine innere Stimme quält sie deswegen. Denn jener hatte wohl geglaubt, sie sei nur um seinetwillen bei der Sache und vielleicht, denkt sie, hätte man den bemerkenswerten Alten in einer besseren Zeit wahrhaft lieben gelernt. Nein, vielleicht liebt sie ihn sogar. Doch sie hat andere Ziele als nur den Diskurs und die Stunden zu zweit. Und das befleckt alles.

***


Rufe dringen durch locker stehende Birken. Zwischen den Stämmen kann Vivienne eine Reiterschar ausmachen. Eine kleine Gruppe, noch undeutlich aufblitzend und verschwindend im nach der Ferne hin dichter werdenden Hain. Sie geht ein paar Schritte, doch verbirgt sich, um ungestört beobachten zu können. Lanzelot, der Strahlende, reitet in Front auf dem schmalen Pfad, der vor langer Zeit von Mensch oder Tier in den Wald getrieben wurde und seitdem mit jedem Durchritt ein wenig breiter ausgetrampelt. Natürlich ist die Königin auch da, doch sie reitet nicht an der Seite des Ritters. Den Platz hat Gaulehad eingenommen, ein relativ junger Neuankömmling beim Hof, den der Ruf Lanzelots und die Geschichten vom Gral über das südliche Meer gelockt haben. Jede freie Minute verbringt er mit dem Alten, verehrt ihn wie man nur einen Menschen verehren kann. “Welch reiche Beute, Vater!“, jubelt er gerade, gut vernehmlich, im Überschwang einer erfolgreichen Jagd. „Nenn mich nicht Vater, Junge“, tadelt der ältere Ritter. “Solch Wort ist für die Verbindung des Blutes bestimmt.”
Dabei wird der Junge es auf den Marktplätzen aufgeschnappt haben, oder auf den sonnigen Bänken des Usk, denkt Vivienne, wo sich alle einig sind, das Lanzelot Gaulehad längst adoptiert habe. Aber wie blind der Junge, der ein noch größerer Frömmler ist, als der Alte, sich gibt… Vivienne lächelt still. Müsste er nicht, wäre er weniger blind, die Königin auch Mutter nennen? Der Trupp hat tatsächlich großes Jagdglück gehabt. Mehrere Hasen werden von Knappen hinter den Reitern hergetragen, an den Läufen über einer Stange zusammengebunden. Auf Packsätteln ruhen die Kadaver einiger Ricken. Und ein stattlicher Hirsch, aus dessen toten Augen Vivienne noch die Trauer und den Schrecken zu spüren glaubt, die er im Angesicht seines Todes empfungen, liegt quer über dem Sattel des hintersten Pferdes.
Das Geplauder entfernt sich langsam. Vivienne verharrt in ihrem Versteck. Bloß wie das Plätschern eines Baches klingt der Zug noch zu ihr herüber. Verstummt dann ganz. Sie ist wieder allein im Wald.

***


Ihre Gedanken kehren zurück zu Myrrdin Wylt. Sie ist sich noch nicht klar, wie sie die neuesten Entwicklungen beurteilen soll. Eigentlich spielt ihr alles in die Hände. Man hatte Myrrdin Wylt, aufgrund der Episode unter der Regentschaft Uthers, die den meisten am Hofe ebenso Legenden war, wie Ultima Thule oder die goldenen Äpfel, schon immer den Wahnsinnigen genannt. Doch über den Lauf des letzten Jahres war die lange besiegte Unruhe in dem Alten wieder größer geworden. Es hatte Vivienne berührt, als wachse der Wahn in ihr selbst. Immer seltener war Myrrdin zurückgekehrt in seinem Turm, wo er zwischen einer Sammlung der unwahrscheinlichsten Schriftrollen, Instrumenten, um aus dem Himmel zu lesen, eigentümlichen Kochutensilien und manchem Artefakt aus durch die Jahrtausende ergrüntem Metall, lebte und schlief. Immer öfter war er in den Wäldern geblieben, bald auch nachts, hatte gesagt: „Ich kann keine Menschen mehr sehen.”
Es mussten die Siege bei Londinium gewesen sein und die in einigen späteren kleineren Scharmützeln, nicht einfach nur die Grauen des Krieges, sondern das Grauenhafte selbst noch im Sieg. Ja, Myrrdin Wylt hatte selbst in den Schlachten bei Camlan und Arfderydd gekämpft, hatte in Kriegen gefochten, da waren viele der Ritter der Runde noch nicht geboren und mit Arthur war er hinab nach Anwyn gestiegen und hatte die Bewohner der anderen Welt konfrontiert. Doch er verabscheute das Blutvergießen, war überzeugt, dass, was durch Gewalt gesichert wird, nicht überdauert, unabänderlich wieder in Gewalt mündet.
Eine verständliche Schwäche, denkt Vivienne. In diesen Zeiten dennoch eine Schwäche. Doch sie erinnert sich, als habe ihr der Alte das Bild in die Netzhaut gebrannt, Tag für Tag jenes späten Abends, da sie auf der Lichtung gesessen hatten im Mondenschein, sie im feuchten Gras, er auf einem der Steine, die im Rund der Lichtung ein kleineres Rund formten, ob natürlich geschaffen oder in alter Zeit von Menschen, das wusste auch Vivienne nicht sicher zu sagen. Und Glühkäfer tanzten um sie und zwischen ihnen, und plötzlich tönte eine Stimme aus dem weisen Myrrdin Wylt, wie aus den tiefsten Tiefen der Erde. Von Städten aus Stein hatte er gesprochen, die aus dem Land wuchern, wie Geschwüre. Von Straßen, die sich wie ein Netz über das Land der Brythonen legen. Von schneidigen Schiffen, die Drachen tragen, und von Männern, die die Städte in Feuer vergehen lassen. Und von noch viel undenkbareren Dingen in fernster Zukunft. Krankheiten, die die Hälfte der Menschheit dahinraffen, Winter, die viele Jahre dauern. Maschinen, die sich bewegen, ohne dass ein Ochse oder ein Pferd sie zieht. Und schließlich eine große Flut.
Seit jenem Gespräch war der Wald endgültig die Heimat geworden von Myrrdin Wylt. Gewiss, er empfing in jenen älteren, verschlungenen Dickichten, wohin er sich jetzt zurückgezogen hatte, noch immer den Freund Talesien und auch sie, Vivienne. Und man besprach sich, debattierte und stritt, fast wie vordem. Doch immer öfter erfassten den Alten finstere Stimmungen, und dann sprach er gar nicht mehr und saß bloß in der hohlen Eiche mit dem niedrigen Stamm, den fünf Männer nicht würden umgreifen können, verborgen in dem kleinen Quartier, dass er sich dort eingerichtet hatte. Herabhängendes Gestrüpp, Totholz, abgebrochene Äste, hatten ein regelrechtes natürliches Kastell rund um diesen Baum geformt.

Oh, man muss ernst nehmen, was der Alte prophezeit. Hatte er nicht auch recht gehabt, als er von dem Weißen und dem roten Drachen gesprochen und den Aufstieg Arthurs angekündigt, von dem damals die wenigsten auch nur hatten ahnen können? Und als sie ihn prüfen wollten, und er dreimal demselben verkleideten Jungen drei Tode auf den Kopf zusagte, und alle lachten, doch jener fiel tatsächlich von der Klippe, starb in den Zweigen eines Baumes, und wurde verschlungen vom Ozean?
Die ferne Zukunft der fernen Zukunft! – , ruft Vivienne sich zur Ordnung. Vordringliche Aufgabe ist es, den König dazu zu bringen, um der Einheit mit den Truppen aus Eíre willen, und aus den cymrischen Küstenstädten, das Kreuz nicht mehr allzu hoch zu halten, die Idee des Grals fahren zu lassen, anderen Gedanken mehr Raum zu geben, damit, vielleicht, die Brythonen noch siegen könnten. Sie sollte zufrieden sein. Jetzt, da der König Vivienne nach Myrrdins Worten fragte und nichtmehr den Alten selbst, ist sie praktisch schon am Ziel angelangt. Und doch ist da ein Schmerz, der sich auf ihr Herz gelegt hat.
“Ach, Myrrydin Wylt”, seufzt Vivienne, da sie durch eine weite Wiese grünen Klees eilt, die Füße nass von Tau.

***


Eilt? Ja, eilt sie denn? Sie eilt. Warum bloß. So recht ist sie gar nicht sicher, was sie zu diesem Spaziergang veranlasst hat. Hat sie denn Zeit, zu reminiszieren, zu träumen, wie der Alte? Und aus dem Spaziergang ist längst eine längere Wanderung geworden. Und aus dem träumerischen Wandel eine Bewegung, die mehr und mehr von einer heftigen inneren Unruhe getrieben wird. Sie horcht in sich. Ihr ist, als sei da eine Stimme. Ein Ruf, ein Flehen, dem sie nicht widerstehen kann:
“Er geht von uns! Diesmal verlieren wir ihn.”
Als beobachte sie eine Andere, stellt Vivienne fest, dass sie zu laufen begonnen hat. Dichter wird das Unterholz, dichter das Blätterdach, düsterer der Wald. Dornenranken greifen nach ihren Füßen. Mit den Armen muss sie immer wieder Geäst beiseite schaufeln. Und was als innere Unruhe begonnen hat, zur Stimme wuchs, wird nun verständlicher: Es ist der Barde, erkennt sie. Der, man kann es nicht anders beschreiben, irgendwie, aus der Entfernung, nach ihr greift: „Rasch! Komme! Rasch! Diesmal will er es wirklich tun. Nur du kannst ihn noch daran hindern.“
Oh, dieser verdammte Zauber! Anfangs hatte der Alte sich nur ganz schüchtern hier und da nach ihren Kenntnissen erkundigt. Mit der Zeit war er immer drängender geworden. Ach ja. Die Ritter… Sie glaubten natürlich, es sei Vivienne, die den verehrten Seher nach seinen Geheimnissen aushorchte. Und sie lagen nicht falsch… Zugegeben. Doch war es ihr um anderes Wissen zu tun als das darum, wie man die Pflanzen und die Winde, die Steine und die Wasser beeinflusste. Hier brauchte sie keinen Lehrer. Er aber war dahingehend um so wissbegieriger. Und besonders angetan hatte es ihm mit der Zeit immer mehr diese eine Frage: Wie man ein Baum wird.

Ach, endlich heraus dass dem Menschenfleisch
in die harten Schale der Bäume.
Von bemooster Borke geborgnes Weich:
ein inniges Reich der Träume.

Myyrdin hatte genug. Endgültig genug vom allem. Vom Beraten und prophezeien. Vom Schlachten und sich schlachten lassen. Vom die Leichen zählen und dem Wind über den blutgetränkten Wiesen das Leid klagen: Warum erfragen sie meinen Rat, und hören dann doch nicht?

***


Vivienne sprintete nun. Der Wald war ein einziges schwarz. Ein tiefes Dickicht. Ein Ort, an den sich in der alten Zeit die Druiden gewagt haben mögen, doch niemand sonst. Und heute allein Myrrdin Wylt und und seine kleine Gefolgschaft. Über einen Bach springend, an einer Wurzel hängen bleibend, strauchelnd, stolpernd, fallend, sich abrollend, wieder aufspringend und einen spitzen Schrei des Schreckens ausstoßend, scheucht Vivienne eine furchteinflößende Gestalt auf. Ein geflügelter Waldgeist, eine Kreatur der Finsternis, die ihr mit großen Augen entgegen rauscht!
Im letzten Moment dreht das Wesen ab und bricht durch die verschlungenen Kronen der Bäume nach dem Himmel aus. „Schuhu Schuhu“. Es war bloß der Bubu gewesen, den sie im Schlaf gestört hatte. Doch das ist kein gutes Omen, oder?
Vivienne hetzt weiter. Mit jedem Schlag ihres Herzens vernimmt sie den stummen Ruf des Barden: „Fliege, Vivienne, fliege, auf mich will er nicht hören, nur deine Stimme hat vielleicht noch Gewicht.“
Sie fliegt, und eine Gruppe Rehe begleitet sie für einen Moment durch einen Hohlweg, schießt dann in alle Richtungen davon. Nur die Leitkuh galoppiert noch immer, fliehend vor der wilden Frau, durch diese dunkle Hohl, ehe sie, ganz plötzlich, all ihre Glieder versteift, die Hufe ins Erdreich gräbt, abbremst, stehen bleibt, die Rasende passieren lässt, sich umwendet verschwindet.

Hier weitet der Wald sich wieder. Das ist der finstere Hain. Das alte Herz des Waldes. Myrrdins ureigenes Reich, das er sich bewahrt hat, um vor dem Tumult und den Ränkespielen des Hofes sich von Zeit zu Zeit zu verbergen. Hier wachsen, als formten die umliegenden hohen Buchen ihnen eine geschützte Halle, Gehölze, die man sonst selten antrifft in Cymru und ganz Brythonien. Der Stechapfel, voll geheimnisvoller Visionen und die schattenliebenden Kirschenbüsche, von denen man nur ganz wenig genießen darf, wenn man den nächsten Tag erleben möchte. Und die uralten, krumm verschrumpelten schwarzen Eichen mit den weiß leuchtenden Misteln, die von ihrem Saft zehren und die ihre Magie wiederum den Menschen schenken. Welch ein düster heiliger Ort. In ganz Cymru und Eíre kennt Vivienne, die gewiss viele Haine gesehen hat, nichts vergleichbares.
Und im Zentrum jenes unheimlichen Hains Myrrhydins Heim, sein Reich, sein Refugium, umkränzt von einem jener Steinkreise, die der Alte einst im gesamten Reich, lange bevor Artur den Thron bestieg, lang noch bevor Vortigern und vielleicht gar vor Aineas und Brutus, mit urgewaltigen Maschinen errichtet haben soll, wie es sich das Volk erzählt. Was natürlich Unfug ist, wie so viele dieser Erzählungen. Manchmal steigt in Vivienne zu den unmöglichsten Momenten kalte Wut auf angesichts dessen, was loses Mundwerk dem Angedenken ihrer Vorfahren antut.
Sie ist in einen lockeren Trab verfallen. Es kommt ihr so vollkommen falsch vor, an diesem heiligen Ort noch zu rennen, dass sie es auch jetzt nicht über sich bringt. Doch vom Steinkreis stürzt ihr schon der Bade entgegen, einen klagenden Schrei ausstoßend:
“Zu spät! Zu spät! Es ist alles zu spät!”

Ein blaues Licht bricht aus der alten Eiche hervor, als Vivienne gerade den äußersten der Monolithen erreicht hat. Breitet sich aus wie ein dünner Nebel, träg wirbelnd im immer weiter ausgreifendem Rund, um den gewaltigen Stamm des Baumes, breitet sich aus um die Steine, wirbelt immer schneller und schneller. Unwillkürlich hat Vivienne Talesien bei der Hand gegriffen, und beide halten sich je in einem der Steine fest, als bebe die Erde unter ihnen. Aus dem Baum dringt ihnen dumpfes Murmeln entgegen. Kaum verständlich. Ein Gemisch aus der Zunge ihrer Väter, und jener der Mönche und Pater, die überall im Land ihre Kirchen errichten, jener Sprache, derer sich Myrrdin und Talesien bedienten, wenn sie von der Natur und den letzten Dingen sprachen. Mit der Zeit aber schälen sich deutlichere Worte heraus:

Endlich bloß Teil der Erde sein
des gottgefällig grünen Grases
gehe ganz du, Mensch, in die Wälder ein
von deinesgleichen nur lass!

Dann, jäh: ein Blitz, doch ohne Donner. Und im nächsten Moment fällt die blaue Wolke aus wirbelndem Licht in sich zusammen, stürzt zurück in den Stamm der Eiche, die ganz friedlich inmitten der Steine ruht. Zögerlich treten Vivienne und Talesien, noch immer Hand in Hand, näher heran an den Baum. Suchen nach dem Spalt, durch den man Myrrdins geheime Kammer betritt.
Doch der Spalt ist verschlossen mit frischem, noch ganz hellem, jungem harzigem Holz. Vivian fährt mit der Hand darüber. Es ist das weichste Holz, das sie je gespürt hat. Fragend sieht sie denn Barden an.
“Er ist fort“, sagt der.

Jedoch:
„Nicht gänzlich!“, antwortet ihm ein Elüstern, das zugleich aus dem Inneren der Eiche und von allüberall rundherum aus dem Wald dringt. Als spreche der Wind im Laub zu ihnen, gemischt mit dem melancholischen Gesang einer Amsel am Abend.
“Ich bin fort, und doch hier. Nicht mehr bei euch, und doch überall. An euch ist es nun, die Geschicke des Landes zu lenken, so gut ihr es eben vermögt. Denkt immer daran, dass es in diesem Krieg keinen Sieg gibt, doch viele Arten von Niederlagen und manche sind besser als andere. Manche sind, mag sein, gar besser als Siege.
Ich bin kein Mann mehr für diese Zeit, und gegangen, woher ich kam. Auch ihr werdet einst den Ort finden, an den ihr zurückkehren müsst. Doch schaut nur nach vorn, und weint nicht um mich. Ich habe den Frieden gefunden, den die Menschen mir nicht vergönnen.“

Das waren die letzten Worte von Mayyrdin Wylt. Und da sich Vivienne und Talesien, schweigend, aus dem heiligen Hain zurückziehen, missachten sie sogleich den Wunsch des Alten und weinen bitterlich, den ganzen Weg durch die lichter werdenden Wälder bis an die Ufer des Ysgyr. Dort trennen sich die kluge Frau, die nun ihre Rolle finden müssen wird an der Seite des Königs, und der Barde, den es wieder hinaus zieht in die Weite, denn im Moment hält ihn nichts auf Camelot. Vivienne aber steigt hinauf zu Merlins Turm, und sitzt lange, verwirrt über ihre Gefühle, zwischen den unzähligen Schriftrollen, die der Alte in seiner unverständlichen Ordnung dort gehortet hat. Nun hat sie alles erreicht, was sie erreichen wollte. Was Morgana, Igraine und der Rat der Ältesten ihr aufgetragen. Und doch ist Vivienne, als sei die Welt untergegangen. Ja, in einer besseren Zeit hätte sie den Alten vielleicht wahrhaft lieben gelernt. Nein, wahrscheinlich hat sie ihn sogar geliebt.

13 – Fragen ohne Antwort


Der in eine graue Kutte gehüllte Pilger hatte Peredur in eine abgelegene Kapelle geführt, tief in einem urtümlichen Wald im engsten finstersten Tal. “So sieht man sich wieder“, hatte er gesagt, als er aus den Schatten alter Erlen an den Verzweifelten heran getreten war. Der Wandernde hatte Peredur gefunden, als dieser am Ufer eines grünen Weihers kniete und, wie gehetzt, immer wieder Wasser schöpfte. Wie um einen unendliche Durst zu stillen. Wenn er nicht schöpfte, schimpfte er, es schien, mit seinem Spiegelbild, das ihm schrecklich verzerrt aus dem Weiher entgegen trat. “Zurück?” hatte der Pilger Peredur nur gefragt. Der hatte das Haupt betrübt zum Wasser geneigt. “Zurück. Leider.”
Die Kapelle war eng und niedrig, als hätten Tal und Wald sie von allen Seiten bedrängt, nur ja nicht zu hoch zu wachsen. Draußen überwölbten Bäume den Bau, deren Stämme krumm und knorrig gewachsen, deren Laub von dunkelstem Grün und dich, und doch drang durch bunte Bleiglasfenster ausreichend Licht, um drin das Muster aus Licht und Schatten, das Pfeiler, Kerzenständer und Bänke zeichneten, und das vom Wind gewiegte Laub vor dem Fenster, in schillerndes Farbenspiel zu kleiden. Die Luft in der Kapelle war kühl und von trockenem Staub gesättigt, der, aus der richtigen Perspektive getroffen, auch immer wieder im farbigen Licht zu leuchten begann. Besonders vor dem Altar, wo ein reiner goldener Strahl durch einen Riss in der steinernen Wand brach, tanzten die Staubflocken wie ein Schwarm in berauschtem Traum versunkener Feen.
“Ihr habt den alten Mann nicht erlösen können?“, fragte der verhüllte Pilger. Er hatte sich neben Peredur in der vordersten Bankreihe niedergelassen und dem Gast vorsichtig die Hand auf den Rücken gelegt, unterhalb des Halses, zwischen die Schulterblätter.
“Ich habe den Gral nicht gewinnen können. Ich habe den Gral noch nicht einmal gesehen. Es gibt keinen Gral in dieser unheiligen Burg. „

***


Wie viel Zeit mochte vergangen sein, seit sie alle aufgebrochen waren zu ihrem großen Abenteuer?
Gaheris war als erster ausgezogen. Hatte sich durch die Kirchen des Ostens gefragt, und war schließlich einem Hinweis auf eine Höhle an den Ufern des Humber verfolgt. Dort verlor sich seine Spur, und auf Camelot glaubte man, dass der Ritter von Anfang an auf falscher Fährte gewesen, und von Banditen in einen Hinterhalt gelockt war.
In eine Abtei auf der Insel Manaw hatte sich Bors zurückgezogen. Dort betete er Tag um Tag um ein Zeichen, studierte und vertrieb sich die Zeit mit langen Wanderungen durch den feuchten weißen Sand. Bis eines Morgens aus Nebel ein weißes Segel sich nahte, und eine weiße Frau lud Bors auf ihr weißes Schiff. Lang kreuzte Bors so durch die cymrische See und konnte sich zuletzt vor Seekrankheit kaum noch auf den Beinen halten. Schließlich steuerte das weiße Schiff einen Flusslauf an, und vor Bors Augen entfaltet sich eine herrliche Stadt, über der eine mächtige Burg thronte. Wie erschütterte es den Ritter, als er darin bloß Camelot erkannte! Auf dem Schiff fand er sich allein, von der Kapitänin keine Spur. So schwor Bors der Gralsqueste ab.
Lanzelot zuletzt sagte von sich, er habe die Gralsburg gefunden. Er hatte sich, dem Schock der Gralsvision, die ihn zurückgewiesen hatte, zum Trotz, auf den Weg gemacht. Auch seine Reise war voller Irrungen und Wirrungen gewesen. Endlich aber hatte ein prachtvolles Schloss ihn empfangen. Doch ach, jeder Versuch, es zu betreten, war fehlgeschlagen. Unbezwingbar die Mauern, fest verschlossen das Tor. Und als der Ritter den Zutritt mit Gewalt hatte erzwingen wollen, hatte ein kalter Sturmwind ihn zurückgeworfen und die Wolken hatten in den Himmel geschrieben: „Diese Aufgabe ist nicht für Euch.“
Wo aber dieses Schloss gewesen, noch wie es aussah, wusste Lanzelot nach seiner traurigen Rückkehr nach Camelot nicht zu beschreiben.
Peredur derweil hatte sich von Anfang an nicht mit Gerüchten und Geschichten aufgehalten. Ein unwiderstehlicher Drang hatte ihn nordwärts geführt und mit jedem Grad, um das die Temperatur absank, mit jedem Tagesritt, an dem die Winde rauer wurden, hatte er sich seinem Ziel näher gefühlt. Sein Weg hatte ihn durch die dichten schwarzen Wälder des Nordens geführt. Vorbei an den Eisendörfern, wo man das wertvolle Metall mit Hand und Hacke aus Erde und Gestein grub. Wo ganze Landstriche nach Ruß stanken und die Himmel von den Feuern der Öfen der Schmiede stets wolkenverhangen waren.
Als er sich einem eigentümlichen Mauerwerk genaht hatte, das sich von Horizont zu Horizont erstreckte, teils bis aufs Fundament abgetragen, teils noch mehrere Meter hoch aufragend, gefügt aus grauen Steinen, überall aber von Moosen, Flechten, Gestrüpp überwuchert, war er dem Verhüllten zum ersten Mal begegnet. Er saß an den Stamm einer jungen Esche gelehnt, die das Mauerwerk in der Mitte aufgebrochen hatte und unwahrscheinlich grünte in einer Landschaft, die sonst in irdenen Tönen gezeichnet war, wo selbst das Gras ins Bräunlich-Gelbliche spielte. Von seinem Gesicht waren nur die klaren, durchdringenden, braunen Augen auszumachen gewesen, doch ein weißer Rauschebart drang unter der Kapuze hervor und fiel über die Kutte.
„Sagt, guter Herr, wo befinde ich mich?“, hatte Peredur den Verhüllten gefragt.
„Auf dem richtigen Weg“, hatte der mysteriös erwidert und auf Peredurs zweifelnden Blick nachgesetzt: „Ihr überschreitet die Grenze von der einen halben Welt in die andere. Wäre euch aber euer Leben nicht lieb und ihr folgtet dem Wall immer weiter westwärts, ihr träfet wohl irgendwann auf das Schloss der weißen Lynette, falls sie es denn gestattet.”
Bei dem Gedanken durchfuhr Peredur ein kalter Schauer. Er entbot dem Fremden einen raschen Gruß und ritt weiter.

***


“Ich wusste nicht, dass ich irgendwen erlösen sollte“, sagte er jetzt auf der harten hölzernen Bank in der Kapelle. „Ich wüsste nicht… Ich glaube nicht… Dass ich es überhaupt könnte. „
Der Gastgeber schüttelte kaum merklich den Kopf: „Vielleicht ist genau das das Problem. Glauben…”

Zerklüftetes Bergland. Schmale, doch unendlich lange, tiefblaue, ja, leuchtend grüne, Seen! Nur ganz selten noch Dörfer. Rustikale Holzhütten, in den wortkarge Menschen lebten, die gerade so bereit waren, dann und wann Peredur das Nötigste zu verkaufen. Und, selten, diese seltsamen Türme. Gänzlich rund, teils in der Höhe von Wind und Wetter abgetragen. Stets unbewohnt, und immer wieder fragte sich Peredur, wie man in einem solchen Gebäude überhaupt hätte wohnen sollen, oder wofür es sonst hätte gut sein können. Obwohl eine gewisse Ähnlichkeit zum gewaltigen Mittelbau Camelots bestand, schienen es keine Verteidigungsanlagen zu sein, denn weder bildeten die Gebäude eine nachvollziehbare Front, noch standen sie durchweg in zum Krieg geeigneten Lagen. Viel hatte Peredur auf seinem einsamen Ritt über diese Gebilde gegrübelt. Denn es geschah sonst nichts, absolut nichts, das die Zeit vertrieben hätte. Doch der Ruf in ihm war stark geblieben und es hatte den Ritter immer weiter nördlich gedrängt. Die Burg im höchsten Norden, wo nicht nur die unüberwindlichen Berge grau waren und die dicken wehrhaften Mauern, sondern selbst das Gras noch und die Wasser des Sees, an dem Peredur lagerte und sich zum Nachtmahl ein paar graue Fische fing , ehe er zum letzten Abschnitt der Reise aufbrechen würde, hatte die Frage, womöglich, beantwortet. Denn gerade so wie die kleineren Anlagen war sie gebaut. Doch sicher siebenmal Mal so hoch, siebzig Mal so breit. Ein kreisrunder Turm von gewaltigem Durchmesser, so hoch, dass die Macht der Stürme, die an diesem Gebäude zerren mussten, dessen Gipfel schwindelerregend verdreht hatten. Rundum ein zweiter, niedrigerer Ring, und um diesen gezogen, bis die steilen Felswände jede Mauer unnötig machten, ein dritter, offener. Konnte es sein, dass die kleineren Türen zu keinem anderen Zweck entstanden waren, um diesen größten zu imitieren und damit zu ehren, hatte Peredur sich gefragt. Wie ja auch der Mensch oft gut daran tut, in der Imitation eines Größeren zu leben und dessen Idealen und Regeln zu folgen. Der Ritter erinnerte sich noch gut an gerade diese Belehrungen der Mutter: Ehre Gott, ehre den König, ehre die Frauen und stelle keine unnötigen Fragen. Bis der Schlaf ihn erfasste, hatte Peredur voller Begeisterung diesen hohen Gedanken gewälzt.

Am Morgen hatte der verhüllte Pilger an seinem heruntergebrannten Feuer gesessen. „Der Gral ist nah“, hatte dieser ihn begrüßt. „Seid nur fest in eurem Glauben und noch fester in eurer Menschlichkeit.“ Peredur, ausgelaugt von der Reise und überwältigt von der Aufgabe, vor der er stand, hatte gar nicht mehr die Kraft gehabt, sich zu wundern. Sicher, er hatte gefragt: „So sagt mir doch bitte… Wer seid ihr?“ Doch mit der Antwort des Anderen hatte er sich ganz zufrieden gegeben:
„Das ist ohne Bedeutung. Viel wichtiger: wer seid ihr?“

***


“Anfortas heißt der Hüter dieser Lande“ sprach der Pilger zu Peredur unter dem niedrigen Gewölbe der kleinen Waldkapelle. Wie, wenn ein Priester predigt, schallte der Klang seiner Stimme von allen Seiten Peredur zu. “Anfortas war ein gütiger Herrscher über fruchtbare Wälder, Flüsse, Seen, Felder. Einst, ehe Ihr oder ich das Licht dieser Welt erblickten, kämpfte der König um die Liebe einer Frau, die nicht für ihn bestimmt war. Ein anderer Bewerber verwundet ihn schwer mit der Lanze in der Leiste. Lang lag der König darnieder, nicht lebend, nicht sterbend, und mit ihm darbte das Land. Doch eines Tages vernahm Anfortas, dass Josef von Aramitäa den Kelch in das Land der Brythonen gebracht habe, der das Blut unseres Heilands aufgefangen. Er versammelte seine Ritter und befahl ihnen, diesen Kelch in ihre Hände zu bringen, koste es, was wolle. Der Kelch ist der Sangreal. Und die Ritter brachten ihn. In der Gralsburg, auf Munsalvaesche, verehrt man jenen Gral seitdem nach einem Ritual, das keinem Außenstehenden bekannt. Der heilige Kelch hält den König am Leben, doch heilen kann er ihn nicht. Und so verfiel das Reich, und nur hinter den Mauern des Schlosses glimmt noch ein Rest von Leben. Nun aber… erzählt, was euch begegnet.”
“Es gibt keinen Gral”, erwiderte Peredur. Er zwang seine Stimme, gegen den missbilligenden Blick seines Gesprächspartners, zu Festigkeit. “Nein, wahrhaftig nicht!”

***


Man hatte ihn freundlich aufgenommen auf Munsalvaesche. Männer und Frauen in härenen Kleidern hatten Peredur empfangen, sein Pferd in einen Holzverschlag beim Wall geführt und den Ritter in ein karges Quartier, wo man ihn warten hieß. Ein Bett. Ein Tisch. Ein hölzernes Kreuz. Mehr nicht.
Karg, wie das Quartier, hatte sich Peredur die ganze Burg präsentiert. Ein enger dunkler Gang, im Kreis um die innere Halle verlaufend, von dem zahlreiche Kammern abgingen, gerade wie die des Gastes. Kein Schmuck an den Wänden. Keine Bilder, Fahnen, Banner. Nicht einmal Kerzen. Nur wenige dumpf vor sich hinglühende Kienspäne spendeten Licht.
Gegen Abend hatte man Peredur zum Mal gerufen. Eine ausladende Tafel in Form eines U war vor den Bewohnern der Burg in der Mitte des runden Saales gedeckt. Daran saßen sie alle, in der gleichen schmucklosen Kleidung, wie die, die den Ritter zuerst begrüßt hatten. Als Gleicher unter Gleichen saß am Kopf der Tafel Anfortas, der König. Der winkte Peredur mit demütiger Geste zu sich und bat ihn, an seiner Seite Platz zu nehmen. Der Ritter verbeugte sich angedeutet und nahmen die Einladung an. Nun aber geschah lange nichts. Man wartete und niemand sprach. Peredur war es jedoch, als seien alle Anwesenden aufs Äußerste konzentriert, als sahen sie gar nicht mehr nach außen, nur noch nach innen, in dieser gespannten Erwartung. Der Ritter versuchte es ihnen gleichzutun und versank in ein stilles Gebet.
Endlich aber schreckte das Spiel einer einzelnen Flöte ihn aus seiner Versunkenheit auf. Da betrat schon der Flötist den Saal, in der gleichen schmucklosen Gewandung wie alle am Tisch. Herrlich süß und getragen war die Melodie, sie stieg wie eine Klage bis unter die hohe Decke, und fiel herab wie ein warmer doch trauriger Regen auf den staunenden Peredur. Dem Flötisten folgten zwölf Damen in weißen Gewändern mit langen Schleppen. Die trugen in ihrer Mitte einen hölzernen Spieß, dessen Spitze sicher schon lang getrocknetes Blut in ein in tiefes Braun spielendes Rot getaucht hatte. Dreimal trugen die Damen die Lanze rund um die Tafel und mit jeder Runde verbeugte die versammelte Gesellschaft sich. Anfortas aber, der König, stöhnte mit jeder dieser Runden, mit jeder dieser Verbeugungen, jämmerlich. Schließlich postierten die Trägerinnen sich wieder am Eingang, eine richtete die Lanze auf und alle anderen standen Spalier. Nun schleppte sich eine alte Frau in den Saal. Grässlich gebeugt ging sie, unter einem schweren flachen Felsbrocken. Zwei Männer eilten von der Tafel herbei, sie zu stützen. So führte man die alte ebenfalls in drei Runden um die Tafel und wieder verbeugten alle Anwesenden sich mit jeder Runde, und der König stöhnte mit jeder Verbeugung zum Herzerweichen. Endlich wuchtete die Frau den Fels auf die Tafel, gerade dort, wo der König saß. Der ganze Saal bebte. Mit etwas Fantasie, dachte Peredur, könnte man diesen Stein vielleicht für eine Art Teller oder Tablett halten. Mit zitternden Beinen zog sich die alte Trägerin zurück und reihte sich ein in das Spalier der Damen. Peredur folgte ihr mit seinem Blick. Da vernahm er, wie der König mit zitternder Stimme in die versammelte Runde lief: „Und nun! Wohl bekomms !“
Wie wunderte der Ritter sich, als er an seinem Platz das festlichste nur denkbare Mal bereitet fand, und alle rundum bereits beim Schmausen. Da tat auch Peredur sich gütlich. Nur der König hatte noch keinen Bissen genommen, und blickte den Ritter mit großen fragenden Augen an.

***


“Und ihr habt nichts gesagt?” Entgeistert unterbrach der verhüllte Pilger den Erzählenden, als dieser beim großen Festmahl angelangt war.
“Was hätte ich denn sagen sollen?” Peredur wirkte ehrlich verwirrt. “Überhaupt, man stellt nicht mehr Fragen, als unbedingt nötig. Das ist unhöflich.“
“Habt ihr denn kein Mitleid? Kennt ihr kein Gefühl? Ach, eure Reise hatte sich so gut angelassen. Hatte mir solche Hoffnung geschenkt…”
“Ja was denn nun? Wenn euch das Sprechen so wichtig ist, so sprecht Ihr!”
Der Mann in der Kutte erhob sich. Schüttelte den Kopf, ging ein paar Schritte nach dem steinernen Altar hin. Strich über den groben Stein, und wandte sich wieder zu Peredur. Als er den Ritter mit glühenden Augen anblickte, spielte das goldene Licht, das die tiefstehende Sonne in die düstere Kathedrale zauberte, mit dem Staub, wie mit einer Krone schillernder Partikel um sein Haupt.
“Der König leidet, Tag um Tag, Jahr um Jahr“, sagte der verhüllte Pilger schließlich. „Wenig ist, wie gesagt, aus dem Inneren von Munsalvaesche bekannt, denn nur selten dürfen Auserwählte die Burg betreten. Ich aber weiß mehr als andere und das, was ihr erzählt, scheint mir sonnenklar. Jeden Abend vor dem Abendmahl zeigt man zuerst dem König die Lanze, die ihn verwundet hat, und erinnert ihn so an seine Sünde. Dann aber wird der Gral gebracht, der Sangreal, der Munsalvaesche und seinen Herren im Leben hält. Der König, der ein Sünder ist, leidet Qualen, sieht er die Lanze. Denn sie spricht ihm von den Verfehlungen der Vergangenheit. Und er leidet noch größere Qualen, wenn er mit dem Gral konfrontiert wird. Denn jener sagt: Noch immer wird es keine Erlösung geben. Ihr aber, als ein Mensch von reinem Herzen, hättet diese Erlösung bringen können…”
“Aber wie denn bloß?” fuhr Peredur den Anderen flehentlich an.
“Gott im Himmel! Verzeiht… Indem ihr fragt, natürlich. Einfach fragt. Teilnehmt am Leid des Alten. Wie oft hat nicht schon die einfache Anteilnahme ein Leid gelindert. Habt ihr denn das gute Buch nicht gelesen?
“Natürlich habe ich…” sagte Peredur, kleinlaut.
“Hattet ihr kein Mitleid?”, griff der Gastgeber seine frühere Frage wieder auf.
“Ich habe Manieren…”, sagte Peredur, noch kleinlauter. Dann aber besann er sich. “Moment… Langsam… Ihr sprecht immer vom Gral. Allein – Ich habe den Gral gesehen, in all seiner Herrlichkeit, damals, auf Camelot. Hier aber gab es keinen Gral. Nicht während des Festmals. Nicht sonst irgendwo auf Munsalvaesche. Überall hab ich mich umgeschaut. Auf den Gängen, in den Kammern.”
“Der Stein…” hob der verhüllte Pilger an. “Den Gral sieht man mit dem Herzen. Euer Herz aber…”
“Ja, der Stein”, unterbrach ihn Peredur, stand dabei auch auf und näherte sich dem Mann unter der Kutte. “Der Stein! Hört mich doch zumindest fertig an, ehe ihr urteilt.“

***


Am zweiten Abend nämlich geschah alles wie am ersten. Das in sich gekehrte Ausharren, die unsagbar schöne Flötenmusik, die Parade der Lanze, die alte Frau mit dem Stein. Und dann das Festmahl. Am dritten Tage aber, als Peredur sich schon auf ebendieselbe Zeremonie eingestellt hatte, und statt sich auf sein stilles Gebet zu konzentrieren längst vor allem mit der Frage rang, was er hier noch sollte, welche unheilige Verwirrung ihn nach Munsalvaesche gebracht habe, und wie es ihm am einfachsten möglich wäre, die Burg bald zu verlassen, ohne den Hausherren vor den Kopf zu stoßen und den Zorn der Bewohner zu erregen, präsentierte sich dem Ritter eine grausige Überraschung.
Das Lied der Flöte war verklungen. Das Spalier stand, die Lanze beim Tor. Als diesmal jedoch die Alte hereintrat, Trug sie den Stein nicht auf dem Rücken, sondern mit übermenschlicher Kraft vor der Brust. Und der Stein trug selbst etwas. Etwas rundes, erkannte Peredur. Nein, eher unförmig und… Mit jedem Schritt, den die Alte auf den Platz des Königs zu machte, wurde ihm unbehaglicher zumute. Schon stieg Übelkeit in dem Ritter auf. Ein Kopf, dachte Peredur. Bei allen Heiligen, ein abgetrennter Kopf. Der Hals noch blutig, als sei er eben erst vom Leib geschnitten worden. Das Fleisch des Gesichtes aber schon faul und von Maden zerfressen, die Augen hohl und schwarz wie bei einem Schädel, den man nach langer Zeit im Erdreich findet.
Die Alte wuchtete den Stein erneut vor den Platz des Königs. In mehreren Rinnsalen rann hellrotes Blut herab auf den Tisch. “Und nun! Wohl bekomms!”, rief der König, wie eh und je. Und niemand schien im Mindesten verwirrt über das Geschehen.

***


“Ich aber bin auf und davon”, schloss Peredur seine Erzählung, noch ob der Erinnerung zitternd. Der Pilger legte ihm beide Hände vorsichtig um den Oberarm und führte den Ritter zur Bank zurück.
“Auf und davon. Raus, das Pferd losgemacht, und einfach nur geritten. Ich weiß nicht wie, doch so kam ich an den See, wo Ihr mich gefunden habt.”
„Das ist allerdings bemerkenswert“, murmelte der Gastgeber, und spielte bei diesen Worten nachdenklich mit seinem Bart. „Ein Kopf also… das ist nicht ganz leicht zu erklären…“ Wieder war der verhüllte Pilger aufgestanden, und ging nun mit tastenden Schritten das kurze Kirchenschiff auf und ab. „Ein Kopf… ein Kopf…“
„Ein Kopf und kein Gral“, warf Peredur ein, nachdem er den Anderen eine Zeit lang in seinem grüblerischen Gehen beobachtet hatte.
„Doch“, sagte der Verhüllte, und blieb abrupt stehen. „Das definitiv. Seht. Ich kann das blutige Schauspiel nicht erklären, doch die Wege des Herrn… Ihr wisst… Irgend ein heidnischer Spuk, gewiss.“ Im Sprechen stieg er wieder in den Altarraum, als helfe das goldene Licht dort beim Denken.
„Vielleicht muss man es auch nicht erklären, versteht ihr? Es ändert ja nichts… Es ist alles eine Prüfung. Alles immer eine Prüfung.“
Und da der Ritter ihn nur fragend aus seiner sitzenden Haltung auf der Kirchenbank anblickte, fuhr er fort: „Es kommt immer wieder dahin zurück: Den Gral sieht man mit dem Herzen. Das Herz aber offenbart sich in der Tat, und ihr tatet nichts, da euer Nächster litt. Keine Frage – Kein Gral. Das ist alles…“
Da bemerkte der Gastgeber, dass dem Ritter Tränen über die Wangen rannen. Da er zu Peredur hintrat, senkte dieser den Kopf in die Hände und begann jämmerlich zu schluchzen. „Aber der Gral hatte mich doch erwählt… Erwählt! Ach, und die Worte meiner guten Mutter…“
„Na, na“, versuchte der Verhüllte zu trösten. „Es ist nicht nur die Wahl. Unsere Entscheidungen sind… das Entscheidende.“ Nun aber schüttelte den Anderen erst recht heftiges Weinen.
„Fasst euch“, sprach der Pilger, streng. Und mit diesen Worten zog er erstmals die Kapuze zurück, und entblößte volles weißes Haar, wallend bis auf die Schultern fallend, direkt in den weißen Bart übergehend, sodass seine klaren braunen Augen nun von einem weißen Kranz umschlossen wurden. “Fasst euch“, wiederholte er. „Noch ist nicht alles verloren. Tief, schattig und reich an Wild sind die Täler in dieser Gegend, tief, blau und reich an Fisch die Seen. Es lebt sich gut und überall regiert Einsamkeit. Bleibt bei mir, besinnt euch, sammelt euch, bis ihr vergessen habt, was euch widerfahren. Dann mag euch ein zweiter Ritt nach der Gralsburg vergönnt sein.“
Nun war es an dem Gast, aufzustehen, und wie eine Katze aufwärts und abwärts im Kirchenschiff zu schleichen. Der Gastgeber ließ ihn. Er vernahm, wie der Ritter dann und wann ein kleines Lied vor sich hin summte, oder vielleicht auch nur einen Kinderreim? Wie Klang es… ?

“»Höre Mutter, was ist Gott?«
»Das sag ich, Sohn, dir ohne Spott:
Er ist noch lichter denn der Tag,
Der einst Angesichtes pflag
Nach der Menschen Angesicht.
Sohn, vergiß der Lehre nicht
Und fleh ihn an in deiner Noth,
Dessen Treu uns immer Hülfe bot. ”

Einmal hielt Peredur inne, und rief, gleich vor dem Schallen der eigenen Stimme erschreckend, durch die Kapelle: „Verzeiht… Ihr habt mir bereits so vieles gesagt… Aber doch noch immer nicht… Herr, wer seid ihr?”
Der andere lächelte gütig: „Manche nennen mich Kentigern.“ Und nach einer kurzen Pause, in er den Blick des Ritters mit seinem maß: „Andere nennen mich Lailoken.“
“Der heilige Asaph!“, entfuhr es Parador. “Aber ihr müsstet doch schon…”
“Ob heilig, das ist nicht von mir zu sagen. Und was ich müsste… Das lasst meine Sorge sein. Zumindest aber bin ich nun hier. Manchmal bin ich auch dort und manches Mal anderswo. Ich helfe nach meiner Kraft, so wie ich kann. Nun, was sagt ihr? „
“Nunja…” Peredur zögerte. Gewiss, er war ein frommer Mann, und schwer hatte sein Versagen an seiner Ehre gekratzt. Und wahrhaft, diese Berge und Täler, diese blauen Seen, das war schön. Der andere mochte Recht haben, dass er sich hier erst wahrhaft würde finden können… Doch andererseits…
Plötzlich viel Peredur etwas ein, er ballte die Fäuste:
„Ihr hättet es mir vorher sagen können!“
„Was ?“
„Vorher! Was den König plagt. Die Frage. All das… Ihr hättet…”
“Aber guter Herr”, schnitt Lailoken ihm das Wort ab. “So ist das nicht gedacht. Um eure Entscheidung ging es, um eure Tat.”
“Nicht nur mich ließet Ihr unnötig leiden! Doch auch den König, und all die armen Seelen, die gefangen sind auf Munsalvaesche!”
“Der Herr sei mit euch… Ihr nehmt die Bilder viel zu wörtlich… „
Mehr sagte der Heilige nicht. Vollends verwirrt ließ sich Peredur in einer der hinteren Bankreihen nieder und starrte, sprachlos, an die Decke. Mittlerweile war die Sonne gesunken. Der goldene Strahl im Altarraum verblasst, das Farbenspiel der Bleiglasfenster ausgelöscht.
„Hierbleiben also…?“, fragte Peredur, nachdem viel Zeit verstrichen war, mit unsicherer Stimme. „Wie lange, glaubt Ihr…?”
„Überhaupt so zu denken ist falsch gedacht“, gab der Andere zurück. „Nichts dürft Ihr mehr vom Gral wissen, ehe Ihr wieder nach Munsalvaesche reitet. Vielleicht eine Ewigkeit. Vielleicht länger. Vielleicht kürzer. Ganz rein müsst ihr sein. Darauf kommt alles an.“
Noch einmal blieb Peredur für eine lange Weile wortlos sitzen. Blieb sitzen in der Dunkelheit, die die beiden nun schon vollends umfing. Irgendwann entzündete Lailoken eine Kerze. Plötzlich aber sprang Peredur, nur noch ein Schatten im Dunkel, auf und mit einem gewaltigen Satz zwischen die Bänke. “Nein, nein, nein und nochmals nein!“, fluchte er. „Ewigkeiten, Reinheit, ein Gott, der solche Spiele spielt!” Der Ritter atmete hastig und tief und konnte sich doch kaum mehr auf den Beinen halten. “Und dann der Kopf! Oh dieser abgetrennte Kopf mit seinen hohlen Knochenaugen!“
Mit unsteten Schritten taumelte Peredur auf die Pforte der Kapelle zu. Zwischen weiteren gepressten Atemzügen vernahm Lailoken noch einmal den ungewöhnlichen Reim:

“Höre Mutter, was ist Gott?«
»Das sag ich, Sohn, dir ohne Spott:
Er ist noch lichter denn der Tag,
Der einst Angesichtes pflag
Nach der Menschen Angesicht.
Sohn, vergiß der Lehre nicht
Und fleh ihn an in deiner Noth,
Dessen Treu uns immer Hülfe bot. ”

Mit dem Schrei: „Ich entsage diesem Gott und allen seinen Heiligen!“ Verdammt sei er, ab heute bin ich mein eigener Mann!“, hechtete der Ritter ins Freie, fand, noch immer mehr stolpernd als laufend, sein Pferd, sprang auf und ritt hinaus in die Nacht.

***


Bis an den Rand des Waldes folgte Lailoken noch Peredurs Spur. Fern, ganz fern sah er den Ritter reiten. Schon im Galopp einen Hügel erklimmend, sodass er sich deutlich vor dem schwarzen Himmel abhob. Ein Reiter im Sternenmeer. Und plötzlich fiel über diesen Himmel ein grüner Vorhang aus Licht. Pulsierend, wabernd, als sei der ganze Himmel mit einem Mal lebendig geworden. “Aurora Borealis”, murmelte der Heilige Asaph. “Soso… Immer wieder ein Anblick. Ob es ein Omen ist? Und welcher Natur? Er ist ein guter Mann, Peredur. Doch gute Männer mit den falschen Antrieben können böses bewirken.”
Mit diesen Gedanken kehrte der Pilger dem Schauspiel den Rücken, und verschwand im dunklen Wald.

Manchmal aber findet der Barde Teliesin auf seinen Streifzügen den Weg in den hohen Norden, dort trifft er sich gern mit seinem alten Freund. Und jener Barde trug uns die Geschichte Peredurs zurück nach Camelot, wo die verbliebenen Ritter um den Armen klagten.
Keiner von ihnen aber fand, so sehr er es versuchte, je den Weg nach Munsalvaesche.

12– Das zweite Schwert

Bereits den dritten Tag saßen sie in dieser Dunkelheit fest. Das ist, wenn sie richtig gezählt hatten. Denn ihnen war nichts geblieben, als die Gewohnheiten ihres Kerkermeisters zu beobachten, und daraus Schlüsse zu ziehen. Er fraß, er rülpste, er pfurzte. Er zog aus, um irgendwo ein paar Schafe zu pflücken, oder ans Meer, wo er mit großen Händen nach Robben fischte. Manchmal kroch er zu ihnen in die Tiefen der Höhle, wo das wuchtige hölzerne Gitter, das vielleicht einmal das Fallgitter einer Burg gewesen war, die der Riese zerstört hatte, ihren Kerker verschloss. Dann verspottete er die Gefangenen mit donnernder Stimme und meist versank er im Anschluss in tiefen Schlaf.

***


“Wir haben es ganz falsch angefangen“ flüsterte Igraine, die Alte, die Weise. „Solche Wesen machen sich nichts aus Reichtum oder sonst irgendetwas, das wir ihm hätten bieten können. Es war falsch, ihm mit Geschmeiden zu kommen, dem silbernen Kessel, mit Reichtum und Schatz.“
„Ja“, gab Morgana zu, die Mächtige, die Magierin, die sich an der Seite Igraines doch fast wieder fühlte wie eine junge Frau. „Es tut mir leid… Ich habe alles falsch gemacht.“
“Nicht du“, sagte Igraine. „Ich hätte es wissen müssen… Zum Glück haben wir den Wein tief im Höhlensystem verborgen. Denn jetzt habe ich eine Idee…“

***


Natürlich war die Reise von Anfang an Wahnsinn gewesen. Nach dem nördlichsten Zipfel der grünen Insel waren sie geritten, wie der Wind, denn die Zeit drängte, hatte Igraine erklärt. Wo in der alten Zeit einst Fingal mit der Gewalt seiner bloßen Hände die Brücke aus dem Meer hatte wachsen lassen, hatten sie ein einfaches Curragh bestiegen, es beladen mit den edelsten Kostbarkeiten und Spezereien, die die grüne Insel zu bieten hatte. Silber und Gold, herrliche filigrane Kleinode, deren Kunstfertigkeit man überall sonst in der Welt für Zauber halten würde. Mehrere Amphoren vom besten roten Wein, der über die Routen der Ahnen aus Aremorica noch immer den Weg nach Eíre fand. Pelze, die manch wagemutiger Händler oder Jäger aus dem hohen, dem höchsten Norden gebracht hatte. Und nicht zuletzt auch gänzlich eigentümliche Kräuter, die in den Ländern wuchsen hinter dem großen Meer, die bis heute keinen Namen hatten in der Sprache der Alten und eine Welt sein mussten von vollständig anderer Magie. Kräuter, die Dinge sehen machen und gänzlich anders fühlen. Den ganzen großen Schatz hatten sie dem Riesen angeboten, klug genug natürlich, ihn ihm nicht gleich vor die Nase zu setzen. Doch der hatte nur gelacht.
„Vielleicht fange ich mir lieber euch pelzige Kreaturen?“, hatte sein donnerndes Lachen die Höhlen erschüttert.

Der zweisame Ritt übers Meer hatte sich angefühlt wie ein Zauber. Sie waren im Morgengrauen aufgebrochen, und feiner Dunst lag über der See von Eíre. Der Mond hatte noch über den Westhorizont gelugt, und sein silberner Schein durchwirkte den Dunst, auf das Meer ein zweites Meer von weichem Silber setzend.
„Ein gutes Zeichen für unser Unterfangen“, hatte Igraine befunden, die am Bug in die Tiefe spähte, um dem Pfad zu folgen, den die versunkene Brückenpfeiler am dunklen Grund zeichneten. Hinten hatte Morgana das Steuer, während ein sanfter Wind das Segel blähte. “Keine Sorge“, hatte Igraine Morgana erklärt, bevor sie ausgezogen waren. „Der Riese Benandonner ist gutgläubig, wir werden leicht mit ihm zurechtkommen. Als Finngal, nachdem er die Brücke fertiggestellt hatte, Angst bekam vor der so viel größeren Kraft des Riesen, verkleidete er sich als Baby und täuschte jenen, er bekäme es mit einem noch viel mächtigeren Gegner zu tun, wenn dieser erst zurückkehrte.“
“Ich kenne die Geschichten“, hatte Morgana erwidert. „Mir ist trotzdem nicht ganz wohl bei der Sache.“
“Ich weiß… Ich weiß. Ich wollte nur ein wenig reden. „

***


Von fern vernahmen die beiden die polternden Tritte des Benandonner. Noch trampelte er wohl draußen irgendwo die Flanke des Beinn Uraraidh hinauf, doch bald würde er in seiner Höhle hocken und herunterschlingen, was immer er diesmal erbeutet hatte. Dann, so hoffte Igraine, würde er sich die Zeit, bis der Schlummer ihn überkam, mit seinen Gefangenen vertreiben.
„Wir haben mit dem Riesen in der Sprache des Handels und des Krieges gesprochen“, hatte sie Morgana erklärt. „Die Sprache, die wir aber sprechen müssen, ist die des Märchens, der Kinder, des Spiels. Solche Wesen sind urtümliche Relikte aus einer Zeit, als die Welt noch jung war und genauso jung sind sie geblieben, alles ist ein Spiel für sie und beim Spiel muss man sie packen.” Morgana hatte trocken gelacht. „Das erinnert mich an einige dieser Ritter, um derentwillen wir die Reise überhaupt auf uns genommen haben.“
“So Unrecht hast du damit nicht „, hatte Igraine belehrend erwidert. „Manche Ritter sind tatsächlich kaum jünger als die Riesen, allein: Sie haben es vergessen, oder beinahe. Vergiss du es darum nie, nun, da du so oft unter ihnen weilst.“
“Ich werde mich erinnern.“

***


Als die schwarze gähnende Höhle in der Flanke eines Berges, der sich schroff aus dem Meer erhob, sie begrüßt hatte, hatte das warme Licht der Sonne bereits das kühle des Mondes abgelöst. Das Meer hatte zu dampfen begonnen, aus Dunst war dichter Nebel geworden, und nun schnitten Morgana und Igraine durch einen weichen Teppich von rotem Gold. Man hätte sich verlieren können, doch das gewaltige aufgerissene schwarze Maul bot Orientierung.
„Das ist ein gutes Omen für unser Unterfangen”, hatte Igraine wiederholt. “Möge Dagda uns wohlgesonnen sein”.

Über die achteckigem schwarzen Felsen, diese Wunder der Steinmetzkunst der Alten, waren sie nach der Höhle gestiegen. Und dann, Fackeln in der Rechten, mit der Linken über die Schulter geworfene prall gefüllte Seesäcke fixierend, darin die zahlreichen Gastgeschenken für Benandonner, immer tiefer hinein in das sich vielfach verzweigende Gewirr von Gestein. Stets fühlte man sich von Geistern umgeben, aus einer überall sonst in der Welt längst untergegangen Vergangenheit. Felsnadeln warfen tanzende Schatten, Fledermäuse mochten genauso gut Kobolde oder Gnome sein. Das dumpfe Hallen ihrer Schritte, dazwischen die spitzen Schrei des Getiers. Einmal zogen sie durch die herrlichsten Gemächer, Gemächer, die vielleicht einst die Sidhe geschaffen hatten. Hier ragten die schlanksten nur denkbaren weißen Säulen von der Höhlendecke, verziert mit einem feinen Wellenmuster, sowohl längs, als auch quer. Hier war am Höhlenboden ein Wald gewachsen aus den unwahrscheinlichsten Pilzen, Blumen, Bäumen. Alles weiß in weiß und von einer unter den Flammen glänzenden feinsten Schicht von Wasser überzogen. Ein ebenso weißes Segel aus Stein, dünn wie Seide, spannte sich über einen azurnen See. Und überall leuchten grüne kleinere Tümpel drumherum und es tropfte, tropfte, tropfte – als spielte das Innere der Erde den beiden Frauen, die ehrfürchtig durch diese Höhlen wandelten, ein verträumtes Konzert. “Siehst du? Die Sidhe sind lang Geschichte”, hatte Morgana gesagt, als sie diesen Teil des Höhlensystems verlassen hatten. “Nicht mal mehr in den tiefsten Tiefen gibt es sie noch. Drüben am Hof aber glauben sie…”
“Still!” Igraine hatte die Hand erhoben. Ein tiefes Seufzen hatte sich wie rollender Donner durchs Gestein gewälzt. “Wir sind schon nah. Wenn Benandonner noch lebt, wer sagt, dass es andernorts nicht auch noch Sidhe geben mag?”

***


Da der Riese sich unbeeindruckt gezeigt hatte, von all den Schätzen, die sie ihm versprochen, hatte Morgana subtile Netze gewebt, den Geist Benandonners zu umgarnen. Doch ach! Da war nichts zum Umgreifen. Also hatte sie es mit schönen Worten versucht. So ein guter Mann sei er doch, all den Geschichten, die man sich in Eíre und Alba von ihm erzähle zum Trotz, und so ein begabter Schmied, wenn er nur wolle. Oh, das aus diesen groben Händen solch feine Waffe kommen können. Man wolle es ja kaum glauben, wenn man es nicht selber sähe… Für einen Moment hatte es ihr geschienen, als sei der Riese versucht. Diesen Weg hätten sie weiter verfolgen müssen, dachte Morgana nun, in der Zelle darauf wartend, dass das Monstrum sich endlich zu ihnen bequeme. Doch da Benandonner sich geziert hatte, war sie, vielleicht allzu rasch, zu Drohungen übergegangen:
„Hör gut zu, du riesenhafter Räuber“, hatte Morgana den Riesen angefaucht. Du hast schon einmal eine mächtige Waffe meinem Volk geschaffen, und du wirst es wieder tun. Hast du vergessen, dass man dich allein dieser Kunst wegen leben ließ? Wer hat dich denn in die Berge getrieben und hier gebunden?“
„Ihr seid lang nicht mehr die von einst“, hatte Benandonner, gelangweilt, erwidert.
Morgana aber war der Kragen geplatzt. „Grober Klotz! Gigantesker Grottenolm!“, hatte sie den Riesen geheißen, und vielerlei Bösartigkeiten mehr.
Daraufhin hatte große Wut den Giganten gepackt. Und mit einer überraschend geschickten Bewegung der großen Hand hatte er die beiden Frauen festgesetzt.

Seitdem war diese Zelle ihre Heimat. Eiskalt und rau war der Stein hier, und, wie Morgana hatte beim Abtasten der Wände des Gefängnisses feststellen müssen, gespickt mit spitzen Vorsprüngen und scharfen Kanten. Nur früh am Morgen, wenn die Sonne tief stand, drang ein wenig Licht in dies finstere Eck. Und Abends, wenn der Riese fraß oder schnarchend döste, der flackernde Schein des Feuers. In solchen Momenten sah man, was man sonst nur hörte: Igraine und Morgana waren im Dunkel nicht gänzlich allein. Auch hier, wie überall im Höhlensystem, tummelten sich Fledermäuse. Und so sehr es den beiden im ersten Moment vor diesen gegraust hatte, mittlerweile hatte sich besonders Igraine mit den kleinen Höhlebewohnern angefreundet.
Eines der Tiere ließ sich sogar dann und wann furchtlos auf dem Arm der älteren Frau nieder, und Igraine streichelte ihr dann vorsichtig übers Fell. Morgana schüttelte es, wenn Sie dieses Schauspiel schattenhaft beobachtete, doch sie sagte nichts. Die ältere wusste, was sie tat, und würde sich mit dem fliegenden Nager sicher nicht nur zum Zeitvertreib beschäftigen. Igraine dachte weiter voraus, als alle anderen Frauen, die Morgana kannte. Mit einem weiteren furchteinflößenden Mitbewohner arrangierte es sich weniger leicht. Morgana war am zweiten Tag auf ihn gestoßen, als sie immer noch verzweifelt die Zelle nach einem Ausweg absuchte. Genauer: Sie war über ihn gestolpert. Das hohle Klappern hatte ihr verraten, dass hier etwas nicht stimmte. Tastend hatte sie geprüft, was sie da beinahe zu Fall gebracht hatte, und glatte Knochen waren ihr durch die Hände geglitten. Wahrscheinlich menschlich, obwohl sie darauf nicht schwören würde. Einen Schädel hatte sie nicht entdeckt. Nach dem ersten Schrecken hatte der Tote ihr jedoch auch Hoffnung eingeflößt. Mit einem spitzen Rippenbogen in der Hand hatte Morgana sich Igraine genähert.
„Hör zu! Wenn wir nicht noch etwas von dem Riesen wollten, dann gäbe es vielleicht eine Möglichkeit. Binnen Tagesfrist könnten wir schon wieder auf dem Meer sein.“ Und sie hatte der Mitgefangenen gezeigt, wie sie mit dem Rippenbogen mit relativ geringem Kraftaufwand Splitter aus dem Holz des alten Gatters herausschlug. “Wenn wir zu zweit arbeiten, schaffen wir es vielleicht, während der Riese auf Raubzug ist.“
“Aus dem, was du gesagt, solltest du bereits wissen, dass es nicht geht“, hatte Igraine ruhig erwidert. „Unsere Reise verfolgt ein Ziel, wenn wir das nicht erreichen, hätten wir gar nicht aufbrechen müssen.“
Morgana stöhnte auf. “Ist das Schwert denn wirklich notwendig? Ich gebe zu… Ich bin immer noch nicht sicher, ob der Plan trägt…“
“Mittlerweile dürfte der Ältestenrat den Wagen ausgegraben haben und über Meer und Usk gen Camelot verschifft”, sagte Igraine. “Dass Gwalchmai den alten Wagen haben soll, Llwch aber das neue Schwert, war einhelliger Beschluss. Dann bleibt Hoffen. Dass sie, dass wenigstens einer von Ihnen, die Gabe annimmt, und sich, vielleicht, ein wenig auf seine verborgene Kraft besinnt, und dass das neue Schwert als Korrektiv des alten wirkt, das in der Hand eines Königs liegt, der Jahr um Jahr schwächer wird.“
„Ja, ja. Aber…“, erwiderte Morgana, unwirsch. „All diese Unwägbarkeit. Und dann grade diese beiden. Der Heißsporn und der Gottesmann…“
„Es ist nicht an uns, der Geschichte den Helden zu küren. Sie waren es, durch alle Zeiten. Und hattest du Gwalchmai nicht selbst geprüft? Es wohnt noch in ihm. Alles andere ist Alltäglichkeit, die wie ein Gespenst aufsteigt und wie Staub verweht. Morgana…“, Igraine hob die Stimme. „…Du denkst wahrhaftig schon viel zu sehr wie die Könige und Ritter, mit denen du dich abgibst. Ob unsere Waffen den Sieg bringen, das Ende oder einen neuen Anfang, das weiß ich nicht, das weiß niemand, das liegt verborgen hinter dem Schleier zwischen dieser und der neuen Zeit. Doch die Welt wird sich verändern, das ist sicher, und wir spielen unsere Rolle, wie wir es können“.
Ein vernehmlich tiefer Atemzug machte deutlich, dass Morgana noch einmal ansetzte, etwas zu erwidern. Doch Igraine schnitt ihr das Wort ab: “Genug. Der Riese kommt. Jetzt gilt es!”

***


„Benandonner, guter Benandonner, wie haben wir eure Gesellschaft vermisst“, begann Igraine zu säuseln, noch ehe der Gigant zu seinen üblichen Spötteleien ansetzen konnte, die meist mit Rezepten für die wohlschmeckendste Zubereitung von Menschenfleisch endeten. Reine Prahlerei, natürlich, Benandonner hatte gerade genug Geschmack, seinen täglichen Fang an Schafen und Robben an einem übermannslangen Schwert, das er stets bei sich trug, über dem Feuer zu rösten. Und wenn er einmal einen jener gewaltigen Fische aus dem Meer zog, die Fontänen aus der Nase blasen, verschlang er ihn gar roh, wie Menschen eine Makrele.
„Ach, Benandonner, sprecht doch ein wenig mit uns. Wir sind so einsam und haben lang mit keinen Mann mehr gesprochen, besonders nicht mit einem so starken“, fuhr Igraine fort.
„Vermissen? Ihr wollt mich wohl für dumm verkaufen“, gab der Riese, dumpf, zurück.
„Aber auf keinen Fall“, fiel nun Morgana ein. „Es ist nur so schrecklich langweilig hier. Sagt, Benandonner, langweilt es euch nicht auch? Schlafen, fressen, schlafen fressen… das ist doch kein Leben…“
Der Riese brummte etwas Unverständliches.
„Es wäre doch sicher für uns alle viel angenehmer“, nahm Igraine den Faden wieder auf, „wenn wir gemeinsam, sagen wir, ein wenig spielen würden. Ihr habt doch sicher auch schon eine halbe Ewigkeit kein lustiges Spiel mehr gespielt.“
„Ein Spiel?“ Diesmal verstand man, was der Riese brummte. Und so sehr er sich bemühte, desinteressiert zu klingen, die beiden Frauen spürten bereits, wie seine Riesennatur auf die Verheißung reagierte. Wie die dröhnende Bassstimme ein wenig, erwartungsvoll, zitterte: „Was für ein Spiel?“
„Ach, nur einen kleinen Wettkampf“, lächelte Igraine.
„Ha“, donnerte der Riese. „Es gibt keinen Wettkampf, in dem zwei eíreische Würmer den mächtigen Benandonner schlagen könnten.“
„Na, das wollen wir mal sehen“, trumpfte Morgana auf . „Wir beiden Würmer wetten, dass wir beweisen können, dass wir stärker sind als der Riese Benandonner!“
Der Riese lachte so dröhnend, dass ihm nicht nur die Glieder schlotterten und sein dicker Bauch bebte, sondern auch das gesamte Erdreich rundum erschüttert wurde. Dann sagte er:
“Gut, gut. Damit werde ich meinen Spaß haben. Wie stellen wir es an? „
“Halt“, sagte Igraine. „Eine Bedingung noch. Wenn wir gewinnen, dann lasst ihr uns nicht nur frei, dann schmiedet ihr das Schwert, das wir verlangt haben. „
“Was habe ich davon? Was ändert sich, wenn ich gewinne?“
“Dann bleiben wir freiwillig bei euch und schwören bei Dagda und Lugh und allen Göttern, dass wir niemals versuchen werden, eure Gefangenschaft zu fliehen.“
“Das ist nicht viel“, befand der Riese. „Doch ich nehme es. Lasst uns beginnen. „
“Moment, Moment”, bremste Igraine noch einmal. “Erst wollen wir uns gemeinsam stärken. Es ist nicht recht, dass ihr Tag um Tag futtert, und euch in allerlei Dingen übt, während wir hungern und darben. Doch es soll auch zu eurem Schaden nicht sein. Hinten, in den Höhlen, wo es zu eng ist für Euresgleichen, haben wir ein Paket gelagert, mit all den Köstlichkeiten, die wir euch schon einmal angeboten. Eine von uns wird es holen, und dann wollen wir uns gemeinsam genüsslich tun, ehe das Spiel seinen Lauf nimmt.“
Der Riese grübelte.
„In Ordnung. Du sollst gehen, du wirst schon nicht fortlaufen, wenn ich die Junge behalte”, entschied er schließlich. Und bei den Worten „die Junge“ schmatzte Benandonner in einer Weise, von der die Frauen nicht entscheiden mochten, ob es erotisch gemeint war oder vom Gedanken an frisches Menschenfleisch bewegt. Man dachte auch besser nicht zu lange darüber nach. Schon machte sich Igraine auf dem Weg.

***


Sie hatten fürstlich getafelt. Jede einzelne der viele hundert Og fassenden Amphoren aus Aremorica hatte sich der Riese gierig die Kehle hinunter geschüttet. Und auch vom süßen Honigbrand hatten Morgana und Igraine nichts abbekommen. Das ein oder andere gute Stück Dörrobst und sogar manche frische Hammelkeule hatten die Frauen aber doch ergattern können. Und während Morgana versucht hatte, dem Riesen beizubringen, wie man die wohlriechenden Kräuter aus dem Land hinter dem Meer genoss, war es Igraine gelungen, noch einige Köstlichkeiten in den Taschen ihres Gewands zu verbergen. Der Riese derweil wollte vom Rauchen unbekannter Gesträuche nichts wissen, vielmehr verschlang er den ganzen Sack in einem Bissen und grunzte: „Ungewöhnlich…“
Dann erhob es sich, vom vielen Wein bereits unsicher auf den Beinen und sprach: „Spielen wir!“
„Spielen wir“, bestätigte Igraine, und baute sich vor dem Riesen auf. Die Weise reichte Benandonner kaum an die Wade.
„Wollen wir doch mal sehen, wer hier die Stärkere ist“. Abrupt wandte sie sich vom Gegner wieder ab, und lief zu dem in den Fels gegrabenen Ofen, wo ein paar lose Steine lagen. „Seht her!“ Igraine präsentierte dem Riesen den Stein auf der offenen Hand. „Aus diesem Stein werde ich das Wasser wringen, das, wie du sicher weißt, überall im Inneren der Erde fließt.“
Mit einer raschen Bewegung brachte sie beide Hände vor der Brust zusammen und gab sich den Anschein, unter größter Anstrengung zuzudrücken. Nur Morgana vernahm das leise kurze Fiepen, ehe sich zwischen den Fingern Igraines tatsächlich ein rotbrauner Saft hervorpresste, über ihre Handgelenke und Arme ran und dickflüssig nach dem Höhlenboden tropfte. Wie grausam! Igraine musste die kleine Fledermaus, mit der sie sich im Kerker die Zeit vertrieben hatte, mit sich geschmuggelt haben und so geschickt, dass weder der Riese noch Morgana etwas davon gemerkt hatten, hervorgeholt. Erbarmungslos hatte sie sie anstelle des Steins zerdrückt.
Der Riese machte: „Uff.” Und noch dreimal “Uff, Uff, Uff.” Dann wandte sich er seinerseits nach einigen größeren Felsbrocken, die beim Höhleneingang lagen. Etwas tollpatschig griff er nach ihnen, und erst nach einigen Versuchen gelang es, einen der Wacken aufzunehmen. Der Wein musste mittlerweile stärkeren Effekt entfaltet haben. Wer weiß, was die fremden Kräuter für eine Wirkung hatten. Benandonner schloss seine Hand und drückte mit aller Gewalt. Dann öffnete er sie. Doch: Kein Wasser. Nur Staub, den ein kühler Wind, der von draußen wehte, vom Streulicht glitzernd am Feuer vorbei und weiter in die verzweigten Windungen das Höhlensystems trug. Noch einmal und noch einmal versuchte der Riese es. Doch Wasser fand er nicht, bloß weiteren Staub.
“Ihr habt gewonnen”, gab der Riese zu. Dann grinste er hinterhältig und sprach: „Die erste Runde. Jeder weiß, dass es drei Runden geben muss.” Benandonner begann heftig durch die Höhle zu stampfen. Erst hallten die finsteren Gängen nur wider von seinen Schritten. Dann zitterte der Boden, und dann begann die ganze Erde zu beben, wie er es schon einmal mit seinem Lachen geschafft hatte. Endlich ließ der Riese, schweißüberströmt, von seinem wilden Tanz ab.
“Na? Könnt ihr das auch?”
“Ich nicht”, sagte Igraine. “Aber jene hier, meine Gefährtin, ist eine Meisterin im die Erde beben lassen.” Igraine zwinkerte Morgana zu. Die begann daraufhin in ganz ähnlicher Weise mit den Füßen zu stampfen, wie zuvor der Riese. Während sie so stampfte, zeichnete Morgana mit ihren Händen Kreisbahnen in die Luft. In Wahrheit rief die Magierin auf diese Weise nach den Winden, um den Strom, der durch die Höhle floss, zu leiten und zu verstärken. Denn mehr lag nicht in ihrer Macht. Igraine hatte sich derweil in den Rücken des Riesen geschlichen und mit dem spitzen Rippenbogen, mit dem zuvor Morgana das Holzgitter vor ihrem Gefängnis bearbeitet hatte, stach sie Benandonner nun einmal fest ins Wadenfleisch. Der wusste gar nicht wie ihm geschah, wandte sich träge um und suchte nach einem Gegner, den er nicht fand. Er griff sich nach der Wade und verlor in seinem längst trunkenen Taumel, vom auffrischenden Wind noch gestoßen, das Gleichgewicht und während er alles unternahm, um nicht zu stürzen, trommelten seine baumstammstarken Beine auf den Boden der Höhle wie ehedem. Und erneut bebte die Erde.
„Unglaublich“, entfuhr es dem Riesen, als er sich endlich gefangen hatte. „Das hätte ich euch Würmchen nicht zugetraut.“ Er überlegte einen Moment. „Aber ich glaube kaum, dass das Beben stärker war als meines.“
Die Frauen protestierten. Der Riese jedoch blieb hart. „Ihr fangt an, mir zu gefallen. Ich will nicht so sein. Sagen wir Unentschieden. So oder so: Wir müssen das dritte Spiel ausspielen.“
“Dann seht”, übernahm sogleich wieder Igraine die Führung. “Erinnert ihr euch an den Schmaus, den wir gemeinsam genossen haben? So stark bin ich, dass ich das einmal verschlungene Mahl am Stück aus meinem Bauch herausschneiden kann, um es mir erneut zuzuführen.” Sie zog den Rippenbogen hervor, und – zack – fuhr sich damit über das Kleid, und ließ einige der dort verstauten Speisen hervorpurzeln.
“Ha! Kinderspiel!”, rief Benandonner. Und mit seinem langen Schwert ritzte der Riese sich, ratzfatz, den Bauch auf. Das Blut schoss wie eine Flut in die Höhle und hätte Igraine und Morgana beinahe mit sich fortgerissen. Der neuerliche Taumel des Riesen machte die Erde ein drittes Mal beben. Dann brach Benandonner, mit einem letzten schweren Schlag, zusammen. Er kam auf dem Rücken zum Liegen, gerade dort, wo sie zuvor noch getafelt hatten.
“Nun rasch!”, rief Igraine. “Wir müssen ihn retten !”
“Retten? Bist du verrückt? Er bringt uns um!”
“Benandonner hat noch ein Schwert zu schmieden. Und wir haben ihn fair geschlagen.“
Die beiden Frauen konzentrierten all ihre Kraft. Morgana trug einige verbliebene Kräuter und Öle zusammen, und von dem Saum des zerlumpten Lendenschurzes, hinter dem der Riese seine verwundbarsten Stellen notdürftig verbarg, pflückte Igraine einen Faden, stark wie ein Seil von gutem Flachs. Mit dem spitzen Rippenbogen als Nadel vernähte sie notdürftig die klaffende Wunde. Unter allerlei Gebeten und Beschwörungen schließlich, binnen einer langen Nacht, erwachte Benandonner, als mit der Dämmerung auch der abnehmende Mond durch den Höhleneingang lugte. Der Riese war gezeichnet vom stundenlangen Todeskampf und anhaltenden Schmerzen. Doch wirkte er stark genug, als dass Igraine nicht mehr säumen wollte:
„Auf! An die Arbeit. Steig hinab in deine Schmiede, Riese. Wir haben mehr als unseren Teil getan. Du bist gebunden an dein Wort.“

***


Am nächsten Tag befanden Igraine und Morgana sich bereits wieder auf hoher See. Sie steuerten nicht Eíre an, sondern strebten gleich nach den cymrischen Landen. Das Schwert suchte einen Arm, der es schwingt. Die Brythonen eine Zukunft oder den Tod. Von Beinn Uraraidh aber folgten dem schlanken Curragh noch über den ganzen Tag schreckliche Schmerzensschreie. Nur oberflächlich hatten die Frauen den Riesen wiederhergestellt. Längst waren seine Wunden wieder aufgebrochen.
So verstarb, allein, der letzte Riese.
„Ihre Zeit ist vorbei. Die Welt ist nicht mehr für derartige Geschöpfe“, hatte Igraine Morgana beschwichtigt.

Ein Curragh pflügt durch die aufgewühlte cymrische See.